Download PDF herunterladen - Professur Dietmar Eberle

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Die versiegelte Zeit
In der Zeit, in der ein Mensch lebt, hat er die Möglichkeit, sich selbst als moralisches, zur Wahrheitssuche befähigtes Wesen zu erkennen. Mit der Zeit wurde dem Menschen ein zugleich bitteres und süßes Geschenk in die Hand
gegeben. Das Leben ist nichts als eine dem Menschen zuerkannte Frist, in der er seinen Geist entsprechend den
eigenen Zielvorstellungen von seiner menschlichen Existenz formen kann und muß. Der unerbittlich begrenzte
Rahmen, in den unser Leben gepreßt ist, macht unsere Verantwortung gegenüber uns selbst und gegenüber
unseren Mitmenschen überaus deutlich. Auch das menschliche Gewissen hängt von der Zeit ab und existiert durch
sie allein.
Es heißt, die Zeit sei unwiederbringlich. Das ist insofern richtig, als man, wie man sagt, das Vergangene nicht
zurückholen kann. Doch was bedeutet eigentlich »das Vergangene«, wenn für jedermann im Vergangenen die
unvergängliche Realität des Gegenwärtigen, eines jeden vorübergehenden Moments beschlossen liegt? In einem
bestimmten Sinne ist das Vergangene weit realer, zumindest aber stabiler und dauerhafter als das Gegenwärtige.
Gegenwärtiges gleitet vorüber und verschwindet, zerrinnt wie Sand zwischen unseren Fingern. Sein materielles
Gewicht erhält es erst in der Erinnerung. Auf Salomons Ring stand bekanntlich »Alles ist vergänglich.« Im
Unterschied hierzu möchte ich auf die Umkehrbarkeit der Zeit in ihrer ethischen Bedeutung aufmerksam machen.
Für den Menschen kann die Zeit nämlich nicht einfach spurlos verschwinden, weil sie für ihn lediglich eine subjektiv geistige Kategorie ist. Die von uns durchlebte Zeit setzt sich in unseren Seelen als eine in der Zeit gemachte
Erfahrung fest.
Ursachen und Folgen bedingen sich in ständig wechselnder Verknüpfung. Das eine bringt hervor und wird zugleich
das andere mit einer unerbittlichen Bestimmtheit, die sich als Verhängnis darstellen würde, könnten wir sämtliche
Verknüpfungen augenblicklich und vollständig erkennen. Die Verknüpfung von Ursache und Folge, das heißt, der
Übergang von einem Zustand in einen anderen, ist zugleich auch eine Existenzform der Zeit, eine Materialisierung
dieses Begriffes in der Alltagspraxis. Doch eine Ursache, die eine bestimmte Folge hat, wird keinesfalls abgestoßen
wie eine Raketenstufe, die ihre Aufgabe erfüllt hat. Wenn wir es mit einer Folge zu tun haben, dann kehren wir doch
auch zu deren Quellen, den Ursachen zurück, drehen also - formal gesprochen mit Hilfe des Bewußtseins die Zeit
zurück! Auch im moralischen Sinne können sich Ursache und Folge in dieser ständig wechselnden Verknüpfung
bedingen - und in diesem Fall kehrt der Mensch gleichsam in seine Vergangenheit zurück.
Der sowjetische Journalist Owtschinnikow schreibt in seinen Japan-Erinnerungen: »Man meint hier, daß die Zeit an
sich das Wesen der Dinge zutage fördere. Aus diesem Grunde sehen die Japaner in den Spuren des Wachstums
einen besonderen Reiz. Deshalb fasziniert sie die dunkle Farbe eines alten Baumes, ein verwitterter Stein, ja sogar
das Ausgefranste, das von den vielen Händen zeugt, die ein Bild an seinem Rande berührten. Diese Spuren des
Alterns nennen sie saba, was wörtlich übersetzt ›Rost‹ heißt. Saba - das ist der nicht nachahmbare Rost, der
Zauber des Alten, das Siegel, die ›Patina‹ der Zeit.« Ein solches Element der Schönheit, wie es Saba ist, verkörpert
die Verbindung von Kunst und Natur. In gewissem Sinne sind die Japaner auf diese Weise bestrebt, sich die Zeit als
eine Art Kunstmaterial zu eigen zu machen.
In diesem Zusammenhang stellen sich unwillkürlich Assoziationen ein zu der Art, in der sich Marcel Proust seiner
Großmutter erinnerte: »Sogar wenn sie jemandem ein sogenanntes praktisches Geschenk machen mußte, einen
Sessel, ein Service oder einen Spazierstock zum Beispiel, wählte sie stets ›antike‹ Dinge aus. Solche, die möglichst
lange nicht gebraucht worden waren und so ihren nützlichen Charakter verloren hatten, sich also eher zum
Erzählen über das Leben vergangener Epochen als zur Befriedigung unserer Alltagsbedürfnisse eigneten.«
»Beleben wir das Riesengebäude der Erinnerungen« - auch das sagte Proust. Und meiner Meinung nach hat in
diesem Prozeß der »Belebung« die Filmkunst eine besondere Rolle zu spielen. Auf bestimmte Weise ist das »Saba«Ideal der Japaner ausgesprochen kinematographisch, das heißt, es ist ein absolut neues Material - die Zeit wird zu
einem Mittel des Kinos, zu einer neuen Muse im vollen Sinne des Wortes.
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