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Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Mainstream-Film – das lässt sich konstatieren – ist nicht länger damit beschäftigt, die (angeblich immergleichen) Hollywood-Ideologeme zu attackieren, sondern beschäftigt sich differenziert und spezifiziert damit, wie genau Inhalte/ Ideologeme in den jeweiligen Filmen verhandelt (oder auch erst erzeugt) werden. Gerade das Aufgreifen und die Kombination gesellschaftlich virulenter Themen gehört zu Hollywoods Popularisierungsstragien, die aber nur dann zum Erfolg führen, wenn sie in komplexen ›Negotiationen‹ mit dem Publikum ausgehandelt werden.8 Die alleinige Untersuchung von Popularisierungsstrategien, zu denen auch Filmmarketing, der Rückgriff auf Stars und Genre-Konventionen etc. gehören, sagt über die Popularität eines Films noch nichts aus; erst der über Paratexte wie Einspielsummen in Branchenblättern, Stardiskurse in Fanzeitschriften etc. ermittelbare Erfolg (bzw. der Misserfolg) dieser Strategien lässt Rückschlüsse auf ihre kulturelle Wirkmächtigkeit zu. Die Untersuchung von Produktionspraktiken des Populären hat daher immer das Zusammenspiel von Produktions- und Rezeptionsseite in den Blick zu nehmen;9 erst die komplexen ›Negotia- tionen‹ zwischen beiden lassen möglicherweise Populäres entstehen. Auch die Texte von Nicolas Pethes und Günter Butzer beschäftigen sich mit der Infragestellung der Wertung populärer Kommunikationsformen als wissenschaftlich sekundär und defizitär, die durch die jüngere Wissenschaftstheorie in Frage gestellt worden ist. Laut Pethes hat dazu zum einen die Einsicht beigetragen, dass wissenschaftliche Kommunikationformen – wie alle anderen – rhetorisch und narrativ organisiert sind, zum anderen der Nachweis, dass schon seit der Zeit vor der Ausdifferenzierung des modernen Wissenschaftssystems immer auch Dilettanten an der wissenschaftlichen Selbstverständigung beteiligt gewesen sind. So gesehen, ist Popularisierung ein Strukturmerkmal auch der wissenschaftlichen Kommunikation. Dies zeigt Pethes am Beispiel wissenschaftlicher ›Fallgeschichten‹, die – genealogisch gesehen – die sich ausdifferenzierende Gelehrtenkultur im 17. und 18. Jahrhundert aus dem römischen Recht und seiner Glossierungspraxis übernimmt. Ein Beispiel für die so entstehende ›Wissenschaftskasuistik‹ sind François Gayot de Pitavals Causes célèbres et interessantes. Der ›Fall‹ steht hier für eine (empirische) Einzelbeobachtung, die auf zweierlei abzielt: zum einen auf eine objektivierende Generalisierung oder Induktion allgemeiner Regeln, zum anderen auf Empathie oder Identifikation der Leserschaft, die sich so in eine wissenschaftliche Kommunikationsform integrieren lassen. Auf diese Weise fungieren Fallgeschichten als ein Medium der Popularisierung von Wissen. Diese doppelte Funktion lässt sich in Kristian Heinrich Spieß’ Biographien der Wahnsinnigen nachweisen, die die Leserschaft doppelt adressieren: als neutrale Beobachter – also Richter und Therapeuten –, zugleich aber qua Empathie auch als mögliche Opfer des Wahnsinns. Wird der Wahnsinn so vom Einzelfall zur für alle Menschen gültigen conditio humana generalisiert, ergibt sich daraus seine Normalisierung. Diesen Effekt belegen Freuds Fallstudien, deren zunächst als pathologisch diagnostizierte Elemente im Verlauf des 20. Jahrhunderts in die allgemein verfügbare Semantik der Selbstbeschreibung eingegangen sind. Günter Butzer hingegen verweist auf den Wissenschaftstopos, dass Massenkommunikation und ihre Medien, wie zum Beispiel die illustrierten Zeitschriften des 19. Jahrhunderts, Autorinteressen wie Werkherrschaft und Autonomie zugunsten jener marktwirtschaftlich orientierten Produktions- und Distributionsprozesse unterdrücken, die Popularisierung als Gewinnung bisher als Lesepublikum nicht erreichbarer Gruppen ermöglicht.* Zumindest wirken mediale Anforderungen von Periodika sich literarisch aus, wie etwa die Forschung zum Fortsetzungsroman gezeigt hat oder der Umstand erkennen lässt, dass gerade die Novelle als Genre die Zeitungen dominiert, die ja selbst Neuigkeiten versprechen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sondernummer: Rückblick 75 ... Im Anschluss an den New Historicism sind zunehmend Modelle entwickelt worden, die solche Negotiationsspielräume nicht nur auf der Rezeptionsseite verorten. Vielmehr werden Produktions- und Rezeptionsseite als miteinander untrennbar verknüpft konzipiert; im Mittelpunkt der kultur- und filmwissenschaftlichen Untersuchung stehen entsprechend die Verhandlungen zwischen beiden.6 So wird das für den Weltmarkt – global – Produzierte lokal spezifisch rezipiert; Globalisierung und Lokalisierung (d.h. lokale Respezifizierung) erscheinen mithin als zwei Voraussetzungen für Popularisierung. Zu den Mitteln, einen Film lokal zu respezifizieren, gehört etwa die Filmsynchronisation (alternative Verfahren wären Untertitelung und Voice Over), die auch als ›Störung‹, als Irritation (die ›falsche Stimme‹ zum ›Originalfilm‹-Schauspieler; die immer auch vorgenommenen inhaltlichen Verschiebungen) zu konzeptualisieren ist. Synchronisation ist kein ›gleichmachender‹, nur auf ›Globalisierungsstrategien‹ rückzuführender Eingriff, im Gegenteil: Durch Synchronisation wird der Film signifikant – gerade narrativ – verändert. Entsteht doch durch die Adaption einer vorliegenden Filmbild›spur‹ mittels einer neuen Tonspur (in Fällen ohne IT-Band häufig sogar mit neuer Filmmusik und -geräuschen) ein eigenständiger Film, der die kulturellen Patterns des kulturellen Kontextes, für den die Synchronfassung hergestellt wird, evoziert. Synchronisation lässt sich somit nicht hinreichend als ›Globalisierungsstrategie‹ Hollywoods verstehen, sondern ist dezidiert als Lokalisierungsstrategie zu verorten, die ursprüngliche kulturelle Kontexte verschiebt und transkribiert.7 Obwohl Synchronisation einen Film ›massentauglich‹ macht (und damit der Popularisierung dient), setzt sie – so perspektiviert – auf ›anti-globalisierende‹ Effekte. .... ............. PRODUKTIONSPRAKTIKEN DES POPULÄREN