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Klassik
Auf dem Dachboden
der Computergeschichte
Jóhann Jóhannsson
In den Pioniertagen von IBM hatten Programmierer ihre Rechner
zum Musizieren überredet. Der Vater von Jóhann Jóhannsson
war dabei. Die alten Tondokumente hat der isländische Komponist
jetzt in ein seltsam ergreifendes Orchesterwerk integriert.
T ED BENNDORF, [email protected]
Wie passen geisterhafte Computerstimmen, Arvo Pärt’sche
Orchesterwelten und Islands zweite Nationalhymne zusammen? Jóhann Jóhannsson stellt sich diesen Fragen
auf seinem neuen Album “IBM 1401, A User’s Manual”, das
neben der ursprünglichen Musik für zeitgenössischen Tanz
auf einen äußerst seltsamen Dachbodenfund zurückgreift:
alte Bänder mit Aufnahmen des Stücks “Island Ögrum
Skorid”, das sein Vater Jóhann Gunnarsson 1971 mit Hilfe
des IBM 1401 Data Processing Systems programmierte,
sowie die auf denselben Bändern gefundenen Aufnahmen
eines anonymen IBM-Instrukteurs.
Wie schwierig war es, vor 35 Jahren Musik zu programmieren
und aufzunehmen?
Es war ganz sicher keine Sache, für die das IBM 1401 Data
Processing System eigentlich geschaffen wurde. Es war eher
eine Business-Maschine für Kreditunternehmen. Mein Vater
war Wartungsingenieur bei IBM in den 60ern und 70ern und
hat einen Weg gefunden, darauf Musik zu programmieren, als
er in Berlin studiert hat. Die Maschine hat starke elektromagnetische Wellen ausgestrahlt. Wenn man einen Radioempfänger daneben gestellt hat, hat das Radio diese Wellen als
Ton empfangen. Indem mein Vater mit einigen Befehlen den
Speicher der Maschine umprogrammiert hat, konnten so
Melodien erzeugt werden. Die Ingenieure taten das nach der
Arbeit, die waren alle Programmierer und auch Musikenthusiasten.
Wann hast du die Bänder gefunden?
Irgendwann im Jahr 2000 hat mein Vater mir davon erzählt.
Die Geschichte hat mich fasziniert, ich wollte die Bänder hören und wurde unmittelbar gepackt und war überrascht, wie
emotional aufgeladen sich die Ingenieure der Maschine genähert und damit gearbeitet haben und in welcher Länge sie
sogar ihren Untergang dokumentiert haben. Mir war sofort
klar, dass ich die Bänder für eine Komposition nutzen werde.
Wie wurde das Ausgangsmaterial in eine Komposition für Orchester transformiert?
Es hat einige Zeit gedauert, bis ich eine Herangehensweise an
das Material gefunden habe. Die Maschine spielt eine alte isländische Hymne, von der ich die ersten fünf Noten für Loops
benutzt habe, die wiederum die Basis des Stücks bilden. Die
Streichermelodie kontrapunktiert diesen 5-Töne-Loop. Im
vierten Teil des Albums gibt es die Streichermelodie ohne den
Loop in einer dunklen, fließenden Version zu hören. Die fünf
Noten tauchen über das ganze Album verstreut auf, ebenso
bestimmte Themen und Elemente. Die Glocke im zweiten Teil
zum Beispiel wird mehr und mehr ringmoduliert und letztendlich im vierten Teil in einen subsonischen Boom transformiert.Die gesprochenen Passagen entstammen alten Aufnahmen einer Bedienungsanleitung für den IBM-1401-Drucker, die auch auf den Bändern meines Vaters zu finden waren. Diese Stimme hat mich an HAL 9000 aus “2001: A Space
Odyssey” erinnert. Eine dröhnende, mechanische, aber nicht
unfreundliche Stimme, die über veraltete Technik spricht,
als ob sie wie ein Orakel uralte Weisheiten verkündet. Als ich
Jóhann Jóhannsson, IBM 1401, A User’s Manual, ist auf 4AD/Indigo erschienen.
www.ausersmanual.com mit Videos, www.johannjohannsson.com, http://this.is/kitchenmotors
mich entschieden habe, die Stimme mit einzubeziehen, kam
alles plötzlich als eine Einheit zusammen.
Wie viel der Originalmusik für Tanz ist geblieben?
Alle vier Teile des Originalstücks sind zu hören, plus zusätzliche Musik, die ich speziell für die CD komponiert habe. Über
die Jahre hat die Musik große Veränderungen durchgemacht.
Eigentlich ist sie für ein Streicher-Quartett geschrieben, so
wurde sie auch jahrelang aufgeführt. Ich wollte aber einen
voluminöseren und dichteren Sound. Also habe ich es für ein
großes Streicherorchester umgeschrieben. Der fünfte Teil ist
ganz neu: das Lied “The Sun’s Gone Dim and the Sky’s Turned
Black”, das auf einem Gedicht von Dorothy Parker basiert. Es
schien mir ein gute Idee, die Komposition mit dem finalen Lied
des Computers enden zu lassen. Das Stück ist ursprünglich
eine Auftragsarbeit für das Royal Museum of Art in Antwerpen, wo es noch bis Anfang Dezember zu sehen ist. Es wurde
sehr gut filmisch dokumentiert und wird hoffentlich auch bei
4AD als DVD veröffentlicht.
Warum wurde das Orchester in Prag aufgenommen?
In Prag gibt es großartige Künstler und hervorragende Studios. Seit dem Debüt 2002 haben wir das Bühnenstück viele
Male aufgeführt. Wenn der Sound an einem bestimmten Ort
besonders gut war, habe ich grundsätzlich immer aufgenommen. Einige von Erna Ómarsdóttir gesungene Passagen zum
Beispiel wurden direkt nach der Aufführung in Zürich aufgenommen, die Hammondorgel stammt aus einer prachtvoll
klingenden Halle in Florenz.
Wer ist Sigvaldi Kaldalöns?
Ein erfolgreicher Isländischer Komponist. Er schrieb “Island
Ögrum Skorid”, dieses alte, patriotische Stück, das der Computer auf den Aufnahmen meines Vaters spielt. Es ist fast
eine zweite Nationalhymne und wird bei allen staatlichen
Anlässen gespielt.
Wie unterscheidet sich “IBM 1401” von vorherigen Alben?
Es ist eine logische Weiterführung. “IBM 1401” ist sehr viel
näher an “Englaborn” als an “Virthulegu forsetar.” Wie “Englaborn” wurde es im Herbst 2001 komponiert, ein sehr erfolgreiches Jahr.
Bist du studierter Komponist?
Abgesehen von Piano- und Posaunen-Unterricht, bis ich
18 war, bin ich Autodidakt. Als Musiker habe ich eher einen
Rock- als einen akademischen Hintergrund. Studiert habe ich
Literatur und Sprache. Harmonien und Orchestrieren bringe
ich mir selbst bei, hatte aber auch sehr guten außerakademischen Unterricht.
Erzähl uns von möglichen Verbindungen zu Sigur Ros, Björk,
Reptilicus und Stilluppsteypa. Hast du Kukl live erlebt?
Ich habe Kukl tatsächlich live gesehen, einmal als Support
für die Neubauten in Reykjavik. Bis heute weiß ich nicht, wie
ich da reingekommen bin, ich war damals viel zu jung. “The
Eye” von Kukl ist ein fantastisches Album. 1999 hatte ich ein
Projekt mit Jonsi von Sigur Ros als Teil der Kitchen-MotorsSerie von Kollaborationen und Konzerten. Außerdem hat er
auf einem meiner Stücke im selben Jahr gesungen. Manchmal arbeitet er auch bei Kitchen Motors. Björk kenne ich aus
den Cafés und Kneipen in Reykjavik, manchmal leiht sie mir
ihre Celesta. Mit einem der beiden Jungs von Reptilicus habe
ich in einem Buchladen gearbeitet, der andere, Johann E, ist
noch immer eines von Islands verborgenen Musikjuwelen. Mit
Stilluppsteypa arbeite ich auch, letztlich als Evil Madness. Die
CD ist gerade beim isländischen Label 12 Tonar erschienen.
Was sind das Apparat Organ Quartet und Kitchen Motors?
AOQ ist meine Kollaboration mit vier isländischen Musikern
und Komponisten, wir sind vier Orgelspieler und ein Drummer.
Unser Equipment besteht aus alten 1970er-Orgeln, obskuren
analogen Synths und frühen digitalen Casio Keyboards. Wir
spielen keinen Kitsch, sondern ernste Musik, ziemlich erhaben und episch, zuweilen sogar tanzbar. Wir nennen das
“Machine Rock and Roll”. 2002 gab es unser einziges Album
auf Skelt, außerdem eine Single vor ein paar Jahren auf
Duophonic. Das neue Album ist in Arbeit und kommt vielleicht nächstes Jahr, vielleicht übernächstes ... wir arbeiten
ziemlich langsam. KM ist eine Ansammlung von Ideen, eine
Kunstorganisation, manchmal ein Label und manchmal eine
Band. Wir fingen an als eine Gruppe von Leuten, die sich ihre Lieblingskombination von Musikern erdachte. Die wurden
tatsächlich kontaktiert und zu gemeinsamen Arbeiten eingeladen. All das resultierte in einer Reihe von Konzerten und
Aufnahmen, die letztendlich unter dem Namen “Motorlab”
erschienen. Die Idee war, einen Funken zu generieren, der in
neuen Hybridformen und aufregenden Mutanten enden sollte. AOQ zum Beispiel ist erst als Teil dieses Projekts entstanden. Es gab außerdem Kollaborationen von Pan Sonic, Barry
Adamson und einem isländischen Chor. Letztes Jahr kam die
Kitchen Motors Family Compilation, die einen Überblick über
die Szene in Reykjavik gibt. KM ist aber eher abstrakt als konkret zu denken. Es gibt zum Beispiel kein Büro und wir haben
nur sporadische Treffen, für gewöhnlich große Dinner Partys.
Erwartest du Angebote für Soundtracks oder Theaterproduktionen?
In Island habe ich bereits für einige Filme die Musik geliefert.
Momentan arbeite ich an einer Komposition für einen ungarischen Film. Es macht sehr viel Spaß und kommt wie natürlich aus mir heraus. Es muss jedoch das richtige Projekt sein,
etwas, dem ich mich verbunden fühle.
Was passiert demnächst?
Im November gab es gerade einige Konzerte mit meinem Ensemble in England. Auf dem Festland dann nächstes Jahr,
hoffentlich auch in Deutschland. Für das nächste Album
habe ich schon ein paar Ideen gesammelt, aber noch keine
Ahnung, wo das hinführen wird. “IBM 1401” ist übrigens Teil
einer dreiteiligen Serie über Kybernetik und artifizielle Intelligenz. Der zweite Teil ist aber lange nicht abgeschlossen.
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