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38 WIRTSCHAFT 6. September 2007 " MACHER & MÄRKTE Recycling: Zu teuer Im Streit um die Zukunft des Recyclings fordern grüne Politiker eine »Ressourcenabgabe« auf Plastikverpackungen und andere verwertbare Stoffe. Das geht aus einem Positionspapier von Sylvia Kotting-Uhl hervor, der umweltpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Der Vorschlag zur geplanten Novelle der Verpackungsverordnung soll demnächst von der Fraktion beschlossen werden. Die Abgabe solle »vom Handel« an eine neue »öffentlichrechtliche Ressourcenagentur« gezahlt wer- Foto: action press Die Grünen wollen die GELBE TONNE abschaffen den, die Sammlung und Recycling von Wertstoffen ausschreibt und koordiniert. Die Abgabenhöhe soll sich an ökologischen Kriterien ausrichten: Für schweres Verbundmaterial müsste mehr bezahlt werden als für leichte Produkte aus reinem Plastik. »Im Handel würde sich so ein ökologisch nachhaltiges Produkt von kurzer Haltbarkeit gegenüber einem haltbaren aus gut recycelbarem Material deutlich verteuern«, heißt es in dem Papier. Im Gegenzug sollen die Lizenzgebühren an das privat organisierte Duale System (Grüner Punkt) wegfallen. Bislang recycelt das Duale System (DSD) einen Großteil des Plastiks. Das jetzige Konzept gilt vielen Experten allerdings als gescheitert. So drücken sich beispielsweise Verpackungshersteller zunehmend um die Gebühren für den Grünen Punkt, weil Verbraucher ihre Plastikabfälle auch ohne dieses Zeichen in die gelbe Tonne werfen. Das treibt die Kosten für das DSD und die ehrlichen Produzenten. Kotting-Uhl kritisiert das DSD als »eines der teuersten Systeme zur Sammlung und zum Recycling von Verkaufsverpackungen in Europa, ohne das dies bessere Ergebnisse bringt als andere«. ROH Briefträger: Zu billig Nur vier Tage brauchten ver.di und der von der Deutschen Post initiierte neue Arbeitgeberverband, um sich auf einen Mindestlohn zu einigen. Obwohl wesentliche Konkurrenten der Post nicht mit im Boot sind, soll er für die rund 200 000 Beschäftigten auf dem gesamten Briefmarkt gelten und – je nach Region – zwischen 8 Euro und 9,80 Euro liegen. »Die Untergrenze stellt sicher, dass die Beschäftigten ihren Lebensunterhalt mit ihrer Arbeit bestreiten könnten und nicht auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen sind«, sagte Andrea Kocsis vom ver. di-Bundesvorstand. Jetzt liege der Ball im Spielfeld der Politik, so Kocsis. Der Mindestlohn muss nämlich noch für allgemein verbindlich erklärt werden, damit er für alle Unternehmen in der Branche verpflichtend wird. Dafür ist jetzt zunächst der Tarifausschuss zuständig, in dem die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ein maßgebliches Wort mitzureden hat. Bislang stand sie Mindestlöhnen sehr skeptisch gegenüber. Allerdings: Selbst wenn das Gremium den Antrag der Tarifpartner ablehnen sollte, hat Bundesarbeitsminister Franz Müntefering die Möglichkeit, das erforderliche Verfahren in Gang zu setzen. Er befürwortet schon lange einen Mindestlohn. DIE ZEIT Nr. 37 " MURSCHETZ Stefan Müller, CSU-Arbeitsmarktpolitiker und zweiter Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe, glaubt, »dass sich dem niemand mehr in den Weg stellen wird«. Es gebe Handlungsbedarf, »weil die Konkurrenten der Post den Beweis schuldig geblieben sind, dass es kein Lohndumping gibt«. Jemand, der Vollzeit arbeite, müsse davon auch leben können. Zurzeit sind auf dem Briefmarkt rund 8400 Beschäftigte zusätzlich auf staatliche Hilfe angewiesen. Ralf Brauksiepe, arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, formulierte zu Beginn der Woche hingegen noch etwas vorsichtiger: »Es besteht eine hohe Plausibilität, dass alle Voraussetzungen stimmen.« Er hofft allerdings, »dass noch möglichst viele Akteure am Markt eingebunden werden können«. Schließlich sei es im Interesse aller, eine vernünftige Lösung zu finden. Die beiden Hauptkonkurrenten der Post, die Pin AG und TNT-Post, reagierten indes mit harscher Kritik. Der neue Tarifvertrag halte weder verfassungsrechtlichen, kartellrechtlichen noch tarifrechtlichen Bedenken stand. Zudem, so die Post-Kontrahenten, könnten die Löhne eines Exmonopolisten nicht als Maßstab für eine gesamte Branche gelten. Der frisch gekürte Verbandschef Wolfhard Bender kann derlei Argumente nicht nachvollziehen. Er weist auf das Lohnniveau in anderen Branchen hin: »Auch eine Abrisshilfskraft am Bau verdient 9,40 Euro.« LÜT Kommunen: Zu privat Um ihren Schuldenberg abzutragen und so den Haushalt aufzupolieren, privatisieren Stadtkämmerer gern kommunalen Besitz. Eine aktuelle Umfrage von Ernst & Young unter 300 Städten zeigt: Jede dritte Kommune mit mehr als 100 000 Einwohnern plant, in den kommenden drei Jahren zumindest Teile ihrer Vermögenswerte wie Wohnungen oder Entsorgungs- und Versorgungsbetriebe zu versilbern. Allerdings gibt es auch gegenläufige Bestrebungen. Laut Umfrage will jede zehnte Stadt »rekommunalisieren«, also ihre ehemaligen Unternehmen zurückkaufen. »Die erhofften Vorteile der Privatisierung sind mancherorts nicht eingetreten«, sagt Klaus Paffen von Ernst & Young. Die Privaten seien nicht immer kostengünstiger als öffentliche Betriebe. Zudem versuchen einige Städte, so wieder mehr politischen Einfluss zu gewinnen. Sie verdienen auch nicht schlecht an den eigenen Unternehmen, wie eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Zwischen 1999 und 2004 verbuchten westdeutsche Gemeinden ein Plus von 240 Prozent in der Abwasserentsorgung, in Ostdeutschland waren es sogar 280 Prozent. MHI Trend: Zum Pingpong Amerikanische Marktforscher haben einen wichtigen neuen Trend unter städtischen Jugendlichen ausgemacht: Sie spielen Pingpong. »Sieht so aus, als sei das die nächste brandheiße Retro-Hipster-Aktivität«, sagt Nancy Bentley von der führenden New Yorker Trendforschungsagentur The Zandl Group. Modische Nachtclubs an den Ost- und Westküsten hätten Tischtennisplatten aufgestellt. »Junge Erwachsene«, heißt es bei der Zandl Group, »kultivieren diese Kombination von RetroWettbewerben aus ihrer Kindheit und Erwachsenenunterhaltung.« Die Firma, die seit Jahrzehnten große Markenkonzerne bei der Gestaltung ihrer Produkte und ihrer Werbung berät, beobachtet das vor allem unter dem Gesichtspunkt künftiger Profite. »Das ist eine Chance für Sponsorenverträge«, sagt Bentley. »Und wir erwarten, dass Tischtennis bald in Werbespots zu sehen sein wird.« TF SARKOZY REGELT DEN STROMMARKT " ARGUMENT Man muss den Spekulanten leider helfen Die Notenbanken dürfen nicht zu hart sein. Der Aufbau von Vertrauen ist wichtiger K rise? Welche Krise? So wird auch das Gros der Notenbanker denken, die sich am heutigen Donnerstag in Frankfurt treffen. Es ist die erste Zusammenkunft des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) nach der Sommerpause, die alles andere als ruhig war. Dennoch sind die Krisensymptome auf den ersten Blick nicht so leicht zu identifizieren: Die Aktienmärkte notieren noch nicht einmal zehn Prozent unter ihren Rekordhöchstständen von Mitte Juli. Die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen sind im August zwar gestiegen, aber waren sie vorher nicht viel zu niedrig? Und am Devisenmarkt hat sich vor allem der zuvor sehr billige Yen etwas verteuert. Vernünftige Korrekturen, könnte man meinen. Den Stress im Finanzsystem entdeckt nur, wer auf die Geldmärkte schaut, dorthin also, wo sich Banken untereinander Geld für ein paar Tage bis hin zu ein paar Monaten leihen. Dort findet entweder gar kein Handel mehr statt oder nur zu ungewöhnlich hohen Zinssätzen. In den vergangenen zwei Wochen hat sich Dreimonatsgeld um 30 Basispunkte auf 4,7 Prozent verteuert – und das, obwohl die EZB immer wieder mit frischem Geld versucht hat, Liquiditätsengpässe zu verhindern. Und das, obwohl seit einer Woche ziemlich klar ist, dass die EZB entgegen ihrer Ankündigung Anfang August den Leitzins nicht erhöhen wird. Das wäre viel zu riskant. Denn die gegenwärtige Krise ist ernst und ohne Beispiel. Sie ist ernst, da es für eine Volkswirtschaft nichts Schlimmeres gibt, als Misstrauen der Banken untereinander. Ohne Vertrauen funktioniert das auf Kredit basierte System nicht. Wobei es ziemlich egal ist, ob Geld in letzter Instanz durch Gold gedeckt ist oder es sich um reines Papiergeld handelt. Aber warum trauen die Banken sich nicht mehr über den Weg? Weil sie wissen, wie es im eigenen Haus ausschaut, und daraus auf die Situation in den anderen Instituten schließen? Weil sie mit noch weiteren Schreckensnachrichten à la IKB und SachsenLB rechnen? Beide Banken hatten ein zu großes Rad in den neumodischen, strukturierten Forderungen gedreht, waren in Liquiditätsnöte geraten und mussten gerettet werden. Warum sollen eigentlich Investoren und Kunden den Banken trauen, wenn die, die es am besten wissen müssten, kein Vertrauen mehr zueinander haben? Die Krise ist ohne Beispiel, weil es sich um die erste Krise des modernen, verbrieften Kapitalismus VON ROBERT VON HEUSINGER Wetten Millionen und Milliarden Euro gescheffelt haben. Aber wer jetzt zuschaut, wie die Krise ihren Lauf nimmt, riskiert, dass sich das kapitalistische System selbst zerstört. Dann leiden alle, vor allem aber die, die noch nie etwas besessen haben. Das ist und bleibt die Krux des Systems, das auf Krediten aufbaut. Was tun? Die EZB muss dafür Sorge tragen, dass vor allem die Banken, die in argen Finanzierungsnöten stecken, an Zentralbankgeld kommen. Wie kommt man als Bank an Zentralbankgeld? Indem man Sicherheiten bieten kann, gegen die die Notenbanken des Eurosystems Geld ausgeben. Die Notenbank hat eine strenge Liste an Wertpapieren, die sie als Sicherheiten akzeptiert. Dort sind längst nicht alle Titel drauf und vor allem nur gut benotete. Alles schlechter als »A minus« akzeptiert das Eurosystem nicht. Das führt in der aktuellen Situation dazu, dass die Banken, die sich mit ihren guten Sicherheiten überall am Markt Liquidität besorgen können, dieses auch bei der Europäischen Zentralbank können. Die Die Zentralbanken dürfen nicht zulassen, dass die anderen, die weniger gute Papiere Finanzkrise ihren Lauf nimmt. Denn wenn die Kredite besitzen, bekommen weder am Markt noch bei der Zentralbank versiegten, würden alle leiden, vor allem jene, die noch Geld. Genau hier muss die Rettung nie etwas besessen haben ansetzen. Die EZB muss alles dafür tun, Das trifft auch für die Ratsmitglieder der EZB dass die neumodischen Wertpapiere, die zurzeit unzu. Sie ergehen sich lieber in philosophischen De- verkäuflich sind und das Misstrauen unter den Banbatten, ob man Spekulanten helfen dürfe, als kon- ken ausgelöst haben, wieder handelbar werden. krete Rettungspläne zu entwerfen, wie aus Noten- Dazu müssen diese Papiere als Sicherheiten anerbankkreisen zu erfahren ist. Unter dem Schlagwort kannt werden, nicht zum vollen Nominalwert, son»Moral Hazard« kommen auch in der öffentlichen dern mit einem kleinen Abschlag. Doch sollte sich Debatte viele gut gemeinte, aber völlig unangemes- die Notenbank hüten, einen Marktpreis für diese sene Ratschläge. Moral Hazard bezeichnet das Phä- Papiere zu ermitteln. Damit würde sie die Solvenznomen, dass der Abschluss einer Versicherung An- probleme im Bankensektor eher noch verstärken. reize für riskanteres Verhalten setzt. Man ist ja Zurzeit weiß niemand, was die mit Hypothekenforschließlich versichert. Weil so auch die Spekulanten derungen und anderen Krediten unterlegten Wertdächten und handelten, sollten sie bitte kräftige papiere tatsächlich wert sind. Deshalb muss die Verluste erleiden, damit sie das nächste Mal vor- EZB wohl oder übel den Rating-Agenturen versichtiger zockten. Auf jeden Fall sollten die öffent- trauen, wohl wissend, dass die Bonität dieser Palichen Stellen, also Notenbank und Finanzministe- piere in Wahrheit schlechter ist. Nur so lässt sich rium, alles unterlassen, was die Krise mildern verhindern, dass die gefährliche Vertrauenskrise im Interbankenmarkt auf das gesamte Finanzsystem könnte. überschwappt. So spricht der gesunde Menschenverstand. Es ist tatsächlich schwer einzusehen, warum nun gerade denen durch staatliche Eingriffe geholfen i Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/finanzkrise werden soll, die in den Jahren zuvor dank ihrer handelt. Diese Spielart des Kapitalismus hat in den vergangenen zehn Jahren immer mehr Risiken handelbar gemacht – bis hin zu Immobilienrisiken im letzten Winkel Idahos. Und plötzlich ist die regionale Immobilienkrise in Amerika ein Weltereignis, da die Hypothekenforderungen durch kaum zu durchschauende Wertpapiere rund um den Globus verteilt sind. Sie liegen in den Bilanzen der Banken in Shanghai oder Peking genauso wie in Düsseldorf (IKB) oder Leipzig (SachsenLB). In früheren, national begrenzten Immobilienkrisen wussten Notenbank und Finanzministerium relativ rasch, wie schlimm es um die heimischen Banken bestellt war, und konnten entsprechend reagieren. Die gegenwärtige Krise hat dagegen niemand auch nur ansatzweise im Griff. Ja, sie wird noch nicht einmal als solche von allen Verantwortlichen verstanden. Fehler im System