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Der Kampf gegen
den Krebs hat eine lange
Geschichte S. 20
3. März 2011 DIE ZEIT No 10
GESCHICHTE
Zeitmaschine
Foto (Ausschnitt): Thomas Koehler/photothek.net
Ein Ausflug in die Vergangenheit –
diese Woche mit CHRISTIAN LIEDTKE
»Das Amt« – hier in
den Händen von
Guido Westerwelle.
Der Außenminister stellte
das Buch im Oktober
in Berlin offiziell vor
Der Fall Gaerte
Jetzt geht es ums Ganze: Ein deutscher Diplomat zieht gegen das Buch »Das Amt« vor Gericht
F
elix Gaerte, Jahrgang 1918, ist in mehrfacher Hinsicht eine herausragende Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Seine Erinnerungen erschienen unter dem aufsehenerregenden Titel Auch im Westen pfeift der Wind.
Vom Fallschirmjäger zum Diplomaten im heißen
und im kalten Krieg 2001 im Grazer Leopold Stocker Verlag – eine Rarität, die ihresgleichen sucht
unter den Memoiren deutscher Diplomaten. Folgt
man dem Klappentext, so ist der Autor »besonders
geeignet« gewesen, »am Aufbau des deutschen Auswärtigen Dienstes mitzuwirken und als Diplomat
der ersten Stunde Akteure der Weltpolitik im diplomatischen Schachspiel persönlich kennenzulernen.
Als Generalkonsul [...] in vier Erdteilen bekam er
Einblick in brisante Politikmanöver und war für
Generationen von führenden Politikern hoch geschätzter Diskussionspartner und Ratgeber.«
Die Frage, weshalb gerade der ehemalige Fallschirmjägerleutnant und spätere SS-Untersturmführer Gaerte »besonders geeignet« gewesen sei für den
Aufbau des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik, ist zurzeit Gegenstand juristischer Nachprüfung
– rund 60 Jahre nach Gründung des Auswärtigen
Amtes in Bonn an den Iden des März 1951.
Seit Januar 2011 bemüht sich Gaerte mithilfe
seines Anwalts in Bonn, eine einstweilige Verfügung
zu erwirken gegen die Verlagsgruppe Random
House, in deren Karl Blessing Verlag der Bericht der
internationalen Historikerkommission zur NS-Geschichte des Auswärtigen Amtes unter dem Titel
Das Amt und die Vergangenheit erschienen ist. Die
geforderte Unterlassungsverpflichtung wendet sich
insbesondere gegen die Darstellung, der zufolge
Gaerte als SS-Führer »unter Angabe falscher Personalien im AA wiederbeschäftigt worden« sei.
Außerdem wurde die Verlagsgruppe aufgefordert, sich »rechtsverbindlich zu verpflichten, in die
noch nicht ausgelieferten Exemplare des Buches
einen Einleger einzulegen, mit dem die falschen
Behauptungen korrigiert werden und der Verlag
sich für diese Falschdarstellung entschuldigt«, sowie
die Einleger an »sämtliche Buchhandlungen« mit
der Bitte zu versenden, diese Information in die
noch nicht verkauften Bücher einzulegen. Außerdem soll die Verlagsgruppe »eine abgestimmte korrigierende Pressemitteilung« veröffentlichen, die
auf ihren Homepages erscheinen und allen Nachrichtenagenturen übersandt werden soll.
Wegen der angeblichen »schuldhaften massiven
Verletzung der Persönlichkeitsrechte« Gaertes, der
es in seinem hohen Alter habe hinnehmen müssen,
in einem als Bestseller verkauften und angesehenen
Buch als »SS-Untersturmführer« dargestellt zu werden, stehe ihm eine Entschädigung zu. Erschwerend
komme hinzu, dass ihm fälschlich vorgeworfen
worden sei, er habe gegenüber dem Amt falsche Personalien angegeben. Auf diese Weise sei das »Lebenswerk eines erfolgreichen Beamten [...] gezielt
zerstört« worden. Gaertes Anwalt hält einen »Entschädigungsbetrag in Höhe von 15 000 € für eine
angemessene und zurückhaltende Forderung«.
Der Fall trägt exemplarische Züge. Das Verfahren wirft noch einmal ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Nachkriegsgeschichte des Auswärtigen
Amtes und der Bundesrepublik insgesamt.
Quellengrundlage der inkriminierten Darstellung im Buch waren verschiedene sach- und
personenbezogene Akten im Politischen Archiv des
AA in Berlin beziehungsweise in den National Archives in Washington. Hält die Darstellung einer
erneuten Prüfung stand? Wer war Felix Gaerte vor
und nach 1945? Wie verlief seine Karriere?
Schon 1957 lässt das Ministerium
Gaerte überprüfen
Felix Otto Gaerte wurde am 2. Juni 1918 in Birnbaum (Provinz Posen) geboren. Sein Vater, Alfons
Gaerte, war Amtsanwalt, später Kanzler im Auswärtigen Dienst. So wurden – und werden noch heute
– die geschäftsführenden Beamten des gehobenen
Dienstes in den deutschen Konsulaten und Botschaften genannt. Ihnen unterstehen die mittleren
Beamten und Angestellten sowie die Ortskräfte in
den Auslandsvertretungen. Während sein Vater in
der Schweiz tätig war, gründete der Gymnasiast und
HJ-Rottenführer Felix Gaerte in Basel die erste Jungvolkgruppe, deren Leitung er bis 1934 innehatte.
Nach dem Abitur in Potsdam (Frühjahr 1937)
trat er der NSDAP bei und wurde Mitglied
Nr. 4 910 278. Von April bis Oktober 1937 absolvierte er seine Pflichtzeit im Reichsarbeitsdienst.
Kurz vor Beginn des Jurastudiums, das er 1940 mit
der Ersten Staatsprüfung abschloss, hatte er sich
bei der Allgemeinen SS beworben, die ihn noch im
Oktober 1937 als Mitglied Nr. 312 719 in ihre
Reihen aufnahm. Von Mai 1940 bis Oktober 1944
leistete er freiwilligen Wehrdienst bei der Fallschirmtruppe, die damals zur Luftwaffe gehörte,
seit Anfang Dezember 1942 als Leutnant. Am
14. Oktober 1944 wurde der Leutnant (der Re-
serve) aus der Luftwaffe entlassen und als SS-Untersturmführer (der Waffen-SS) dem Reichssicherheitshauptamt (Stabskompanie) zugeteilt.
Gegen diese angeblich »falsche Tatsachenbehauptung« wendet sich Gaerte in erster Linie. Er sei
kein SS-Angehöriger und kein Untersturmführer
gewesen. Er wurde, so heißt es in der Klageschrift,
»im Mai 1940 in die Wehrmacht eingezogen und
war bis September 1944 Fallschirmjäger bei der
Luftwaffe und anschließend bis Kriegsende bei der
Abwehr und damit Angehöriger der Wehrmacht.«
Auch die Behauptung, er habe »falsche Personalien
im AA« angegeben, sei eine »freie Erfindung«.
Nach nochmaliger Prüfung entpuppt sich die
vermeintliche »Erfindung« indes als erhellende Tatsachenbehauptung: Im April 1950 wurde der Jurist
Gaerte zu dem ersten Lehrgang für Anwärter des
höheren Auswärtigen Dienstes einberufen und
nach erfolgreichem Abschluss im September 1951
der Rechtsabteilung in der Dienststelle für Auswärtige Angelegenheiten zugewiesen. Zur selben
Zeit erschienen die ersten Vorwürfe gegen Gaerte
in der Frankfurter Rundschau wegen seiner Mitgliedschaft in der SS und Zugehörigkeit zum
Reichssicherheitshauptamt. Amtsinternen Ermittlungen trat er entgegen mit dem Hinweis, dass er
als Fallschirmjäger »zwangsweise« der Waffen-SS
zugeteilt worden sei. Weitere Zweifel an Gaertes
Angaben zu seiner Biografie tauchten nach 1957
auf, ausgelöst durch publizistische Attacken der
DDR gegen »Kriegs- und Naziverbrecher« in der
Bundesrepublik.
Daraufhin beauftragte das AA den Historiker
Kurt Rheindorf, den Vorwürfen nachzugehen.
Seinen intensiven Forschungen lagen Personalunterlagen der NSDAP und SS zugrunde, die im
Berlin Document Center überliefert waren – und
seit 1990 im Bundesarchiv Berlin aufbewahrt
werden. Auf Basis der SS-Führer-Stammkarte und
der 1944 entstandenen Sippenakte (Heiratsakte
im Rasse- und Siedlungs-Hauptamt der SS) bestätigte Rheindorf die Zugehörigkeit Gaertes zur
NSDAP und SS. Wegen des Verdachts nicht wahrheitsgetreuer Angaben beim Eintritt in den Auswärtigen Dienst wurde ein förmliches Disziplinarverfahren gegen Gaerte eingeleitet, das mit einer
mehrjährigen Beförderungssperre endete.
Nach neuen Erkenntnissen der Historikerin
Annette Weinke (Jena) wurde Gaerte nicht so sehr
seine NSDAP- und SS-Zugehörigkeit vorgeworfen.
Entscheidend sei vielmehr gewesen, »daß er in
VON HANS-JÜRGEN DÖSCHER
seinen Gesuchen und Bewerbungen gegenüber der
Behörde, bei der er tätig zu werden begehrte, nicht
bei der Wahrheit blieb und seine unrichtigen Angaben trotz vieler Vorhaltungen und Belehrungen
Jahre hindurch aufrechterhielt«. Dadurch habe er
die Vertrauensbasis, die Grundlage sei für den Bestand eines Beamtenverhältnisses, empfindlich
gestört. Das Urteil der Bundesdisziplinarkammer
wurde 1958 rechtskräftig. Gaertes Gnadengesuch
lehnte Außenminister Heinrich von Brentano
1960 ab.
In Bombay und Melbourne
wird seine Vergangenheit nicht stören
Dennoch bekam der gemaßregelte Diplomat kurz
darauf schon eine zweite Chance. Die Initiative
ging vom Personalchef aus, der dem Minister vorschlug, Gaerte als Ständigen Vertreter des Generalkonsuls nach Bombay zu entsenden. Sehr bemerkenswert ist die Begründung: »Schwierigkeiten für
Herrn Gaerte aus seiner Zugehörigkeit zur NSDAP
und SS sind dort kaum zu erwarten.«
1961 ging Gaerte an das Generalkonsulat Bombay, 1964 folgte seine Beförderung zum Legationsrat I. Klasse in der Zentrale (Referat Abrüstung und
Sicherheit) und 1968 die Ernennung zum Generalkonsul in Melbourne. Die Initiative des Personalchefs entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, da
dieser (als vormaliger Staatsanwalt) 1937 der
NSDAP beigetreten war und zwischen 1941 und
1945 als Kriegsgerichtsrat bei Divisionsgerichten der
Luftwaffe fungierte. Honi soit qui mal y pense!
Die Verlagsgruppe Random House hat die von
Gaertes Anwalt verlangten Erklärungen nicht abgegeben. Stattdessen hat sie erste Belege für die braune
Vergangenheit des Exdiplomaten vorgelegt und angekündigt, Schadensersatz zu verlangen, falls Gaerte aufgrund falscher Angaben einen gerichtlichen
Vertriebsstopp durchsetzen würde. Tatsächlich hatte Gaerte beim Landgericht Hamburg einen Antrag
auf Erlass einer Verbotsverfügung gestellt, beschränkt
auf zukünftige Auflagen. Das Gericht entsprach
dem Antrag. Dagegen legte der Verlag umgehend
Widerspruch ein. Am 8. April wird das Gericht in
Hamburg darüber öffentlich verhandeln.
Der Autor ist Historiker und lehrt an der Universität
Osnabrück. Aus seiner Feder stammen die Standardwerke »Das Auswärtige Amt im Dritten Reich« und
»Verschworene Gesellschaft – das Auswärtige Amt
unter Adenauer zwischen Neubeginn und Kontinuität«
Schnickschnack, diese Apps! Eben noch ließ mich
die Zeitmaschinen-App, die ich mir aufs Handy geladen habe, bei einer Orgie in spätrömischer Dekadenz schwelgen, da werde ich aus dem schönsten
Treiben herausgerissen, durch die Jahrhunderte katapultiert und finde mich auf einer Waldlichtung
wieder: Saint-Germain-en-Laye bei Paris, 7. September 1841, 6.42 Uhr, zeigt das Handy an. Hastig verberge ich es hinter dem Rücken, als mir einer der hier
versammelten Herren einen finsteren Blick zuwirft
– mit einer Pistole in der Hand!
Es herrscht angespannte Stille. Ich blinzele ins
Morgenlicht und merke, dass mich meine Pollenallergie auch in der Vergangenheit plagt. Aber ich
unterdrücke den Niesreiz, denn dem Mann gegenüber steht ein anderer Mann, ebenfalls mit einer Pistole. Ihn erkenne ich sofort: Heinrich Heine. Also
muss der Finstere Salomon Strauß sein, der Gatte
Jeanette Wohls. Sie ist die Seelenfreundin des verstorbenen Ludwig Börne gewesen. Heines Denkschrift Ludwig Börne, eine brillante Abrechnung mit
dem deutschen Nationalliberalismus und poetische
Darstellung der eigenen revolutionären Utopie, hatte
sie aufs Äußerste gereizt, vor allem durch die polemisch-boshaften Passagen über sie selbst. Es war zum
öffentlichen Streit gekommen, bis Heine Strauß zum
Duell forderte. Wie wohl die Debattenkultur 2011
aussähe, wenn Differenzen auf diese Weise ausgetragen werden müssten – statt bei Anne Will?
Eine Goldmünze fliegt in die Luft, das Los
spricht Strauß den ersten Schuss zu. Heine zittert.
Aber nicht vor Angst, nein, vor Zorn – auf »Altdeutschland«, das ihn ins Exil gezwungen hat, auf
jene, die ihn, den Juden, gedemütigt, die seine Verse, die sie so inbrünstig singen, als undeutsche
»Poesie der Lüge« denunziert haben. Ihnen allen
stellt er sich in diesem Augenblick entgegen.
Strauß zielt. Meine Heuschnupfennase kribbelt
immer heftiger, bis plötzlich mein Niesen die Stille
zerreißt: Strauß zuckt zusammen, und seine Pistole
geht los. Vorwurfsvoll starrt er mich an. Ein Rußfleck
auf Heines Kleidung zeigt, wo die Kugel ihn streifte.
Nun ist er an der Reihe: Nonchalant hebt er seine
Waffe, und ohne zu zielen feuert er in die blaue Luft.
Ob er weiß, dass ich seinen Zorn gesehen habe? Ich
glaube, als er an mir vorübergeht, flüstert Heine:
»Diese Welt glaubt nicht an Flammen, und sie
nimmt’s für Poesie.«
Der Autor leitet das Archiv des Heinrich-Heine-Instituts,
Düsseldorf, und schrieb eine Biografie des Dichters
ZEITLÄUFTE
r war Verteidigungsminister und taumelte,
ehrgeizumnachtet, von Affäre zu Affäre.
»Die Intellektuellen« verspotteten ihn, doch
»die Menschen in Deutschland« liebten
Franz Josef Strauß. Zwar illuminierte ihn und seinen
Clan stets ein trübes Zwieleuchten, und gern lud er
sich ein bei den großen und kleinen Despoten, von
Santiago de Chile bis Berlin, Hauptstadt der DDR.
Aber gerade sein Land, das Land der Bayern, blieb
ihm zamperltreu. Hier erhielt seine Partei, die CSU,
leicht Wahlergebnisse resp. -ergebenheitsnisse, die sich
andere hart erfälschen mussten, und bei seinen rituellen Auftritten in Passau verwandelte sich die dortige Nibelungenhalle in König Etzels Hunnensaal,
bis das Bier in den Maßkrügen brannte. Auch Gegner sahen in ihm das politische Urtalent, und als er
1988 starb, schrieb die ZEIT: »Ein Titan ging dahin.«
Als Verteidigungsminister ging er übrigens schon 1962
dahin, und seine Doktorarbeit über Justins Epitome
der Historiae Philippicae des Trogus Pompeius, nun,
die verschwand leider, leider im Krieg.
B.E.
E