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HOUSE HOUSE Kai Alcé Ode an die Nacht Gerader Kurs durch tiefe Wasser Lerosa House ist ein merkwürdiges Biest und Lerosa sein feinfühliger Dompteur. In Irland empfing der gebürtige Italiener die Detroiter Weihen, jetzt machen seine Tracks deepe Wellen. Gepriesen sei House und seine Offenheit. T SASCHA KÖSCH, [email protected] Alte Recken an die Decks! Der gebürtige New Yorker hat nicht nur die Entstehung von HipHop, sondern auch von Detroit Techno hautnah miterlebt. Der Cousin von Chez Damier, der im “Music Institute” Mädchen für alles war, traute sich aber erst Anfang des Jahrtausends mit eigenen Tracks an die Öffentlichkeit. Jetzt krempelt Kai Alcé House um. T NIKOLAUS SCHÄFER, [email protected] “HOUSE, HOUSE, AND MORE FUCKIN HOUSE“, schreit es einen seit diesem Sommer in dicken Blockbuchstaben von diversen T-Shirts an. Innervisions, das Label von DJ Dixon, propagiert die Neubesinnung auf House Music ja nicht erst seit gestern, aber nun wird per Motto-Shirt Ernst gemacht: Alle sollen wissen, dass die Tage des Minimal-Diktats gezählt sind. Wir bauen eine neue Stadt! Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein, erfreuen sich die verschiedenen Geschmacksrichtungen “Deep-“, “Dub-“ und durchaus auch “Vocal“-House doch tatsächlich wieder zunehmender Beliebtheit in unseren Breiten. Da trifft es sich gut, dass in den letzten Jahren eine neue Generation von House-Produzenten herangewachsen ist, die langsam aber sicher aus dem Schatten der großen Vorbilder heraustritt. Kai Alcé ist einer von ihnen. 1971 in New York geboren, verbringt er die ersten Jahre seines Lebens auf der beschaulichen Karibikinsel St. Croix, pünktlich zur Geburtsstunde von HipHop im Big Apple Ende der 70er ist er aber wieder am Start: “Der Beginn meiner musikalischen Emanzipation - bis dahin bestand mein musikalischer Horizont hauptsächlich aus den Jazzplatten meines Vaters und dem Soca meiner Mutter.“ 1980 geht die Reise weiter nach Detroit und einmal mehr wird der junge Herr Augenund Ohrenzeuge einer musikalischen Revolution. Wie so viele hört er gebannt die Radiosendungen von The Electrifying Mojo und Jeff “The Wizard“ Mills. Als 1987 dann das Music Institute eröffnet, ist er mit dabei - als Mädchen für alles: Licht, Garderobe, was immer gerade anfällt ... Hauptsache er kann in der Nähe seiner Helden sein. Bald darf er auch Platten auflegen. Es hilft natürlich, dass ein gewisser Chez Damier sein Cousin ist. So bekommt er neben seiner Arbeit im Club Zugang zu den Studios von Transmat und KMS und kann viel an Produktionsarbeit lernen. Anfang der 90er geht Kai nach Atlanta, um Psychologie zu studieren. Dort ist House so gut wie gar nicht präsent, und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst Parties zu organisieren. Einmal mehr kommen ihm die familiären und freundschaftlichen Bande nach Detroit gelegen: Im Rahmen seiner “Deep Detroit House Sessions” lädt er Leute wie Chez, Alton Miller, Moodymann, Mike Huckaby und Theo Parrish ein und etabliert damit über die Jahre ei- ne feste Partyreihe. Er selbst verbringt immer noch jede freie Minute in Detroit, um mit den unterschiedlichsten Leuten an Tracks zu arbeiten und noch mehr zu lernen. Chez Damier bildet ihn an der MPC 2000 regelrecht aus, und noch heute ist diese Maschine das Herzstück seiner Produktionen. “Inzwischen sind zwar noch ein paar andere Geräte dazugekommen, aber manche Tracks sind ausschließlich mit der MPC entstanden, so z.B. der Track ‘Gravity’ auf der ‘Broken Headlights’EP.“ nAb 2002 veröffentlicht er Platten u.a. für Track Mode und Moodymanns Label Mahogani Music, es kommen zunehmend Gigs in anderen Städten der USA dazu, und endlich wird man auch in Europa auf ihn aufmerksam. Neben den Bookings bekommt er 2006 von dem englischen Label Real Soon das Angebot, eine EP zu veröffentlichen. Und da “Corner Manouvers“ gut ankommt, darf er im Juni diesen Jahres gleich mit “Broken Headlights“ nachlegen. Seine Tracks basieren auf trockenen, fast schon hölzern klingenden Beats, sind nur sparsam durch leichte Chord-Tupfer instrumentiert und vermeiden geschickt jeden Schwulst. Wenn er Vocals einsetzt, sind sie immer sehr dezent gehalten und im Vergleich zu einem Kollegen wie Omar S, der seine Beats gerne mal aus dem Ruder laufen lässt, sind die Produktionen von Kai Alcé aufgeräumt und sauber. Solch ein Understatement macht seine Platten vielseitig einsetzbar. Das mag beim Einstieg in den europäischen Markt helfen, gleichzeitig spekuliert er aber nicht auf schnellen Erfolg in der alten Welt: “Das sind schon zwei ganz verschiedene Angelegenheiten. Obwohl ich die Musik in Europa nach wie vor beobachte, sind für meinen Geschmack seit der Jahrtausendwende wenig bewegende Platten erschienen. Irgendwie sind da die Entwicklungen auseinander gelaufen. Labels wie Philpot und Dial sind aber gerade dabei, wieder an eine Tradition anzuknüpfen, so habe ich mir z.B. die letzte Carsten-Jost-12“ gekauft. Es geht mir aber auch gar nicht um einen Wettbewerb, wer was besser oder vermeintlich richtig macht. Jeder macht, was er am besten kann ...“ Pures Understatement. Kai Alcé, Broken Headlights, ist iauf Real Soon erschienen. House ist beständig. Im Umfeld elektronischer Musik war das lange ein Grund, House fast als statisch zu sehen. Als einen Nullpunkt. Nach ersten fast wöchentlichen Explosionen war die Entwicklung gelegentlich so langsam, dass nur an den Rändern dessen, was House zu einem Rückrad des Dancefloors seit zwei Jahrzehnten macht, festzustellen war, dass es sich - auch jenseits der technologischen Parameter von Musik - entwickelt. Irgendwie hatte Techno die Funktion des Fortschritts übernommen und House schien zu einem klar umrissenen Genre geworden zu sein. Und fast immer waren es vor allem die leichteren Momente, die der Gimmicks, in denen man diese Entwicklung feststellen konnte, gleichzeitig aber blieb das Gebilde House davon in seinen Grundfesten völlig unberührt. House ist immer schon Tiefe und Leichtigkeit in einem. Aber zugleich auch ein Genre, oder vielmehr eine Haltung, die ihre eigene, oft zersplitterte Geschichte in sich trägt und immer wieder in den richtigen Momenten darauf verweist, dass nichts schwieriger ist, als House wirklich auf einen Stil zu reduzieren. Und je deeper es bei House wird, desto geschlossener wirkt es, desto uneinsichtiger sind die Referenzen und Gründe, House zu machen, zu hören, an House zu glauben, und mitten in der viel beschworenen Deepness zeigt sich nicht selten dann auch wieder die Freude an den Entdeckungen eines Undefinierbaren von House. Leopoldo Rosa ist ein Römer. Italien war besonders in der Anfangsphase von House und in der ständigen Wiederholung der Ausgangspunkte - immer schon wichtig für Housemusik. Damals lagen hier Kitsch und Innovation nahe zusammen und die Auswirkungen oder das Zusammenspiel von Italo und House sind immer wieder in Wellen überdeutlich zu spüren. Seit über zehn Jahren aber lebt Rosa in Dublin und ist dort nicht nur von der Detroit-Dublin-Achse infiziert worden, sondern auch von der Tradition elektronischer Musik Englands, die ihre Wurzeln selbst bis tief in die Bereiche dessen, was man später mal IDM nannte, aus Detroit zieht. Seit zwei Jahren nun releast er - zunächst auf dem Traditionslabel D1 - Platten, die das Herz von House treffen, in dem sie viel von der Geschichte bewahren, gleichzeitig aber auch eine Komplexität und Tiefe haben, die ihn zum Zentrum einer neuen Housebewegung machen könnten. In Lerosas Tracks spürt man z.B. seine Vorliebe für Drexciya genauso wie die für frühe Chicagohouse-Platten, man fühlt in den Beats, dass er nicht eine Sekunde an eine abstrakte bereinigte Housegeschichte gerader Beats denkt, sondern den Groove immer aus etwas herausbricht, das in sich schon Tiefe trägt. Seine drei EPs dieses Jahr für Enclave Recordings, Real Soon und A Touch Of Class rufen einem nicht nur die Momente zurück, in denen Legenden wie Fragile und Carl Craig entstanden, sondern sind immer auch Oden an die Nacht. Bei aller Intensität der Grooves schweben die Sounds in einem Medium, das, ähnlich wie Drexciyas tiefer Unterwasserglaube, nicht einfach die Luft ist, durch die sich die Klangwellen verbreiten, sondern etwas Dichteres, in dem Sounds ihre eigenen Wellen fast sichtbar zu schlagen scheinen. Wie bei The Other People Place sind auch seine Tracks von einem eigenwilligen Spiel zwischen Intensität, Funk und Tiefe getragen, die seinen Stücken ein völlig eigenes Flair geben. Gleichzeitig aber sind sie so eingebettet in die besten Momente der langen Geschichte von House, dass man die langsame Verschiebung, die in der Ruhe liegt, die Brüche und das ständige Aufbrechen, die Macht der Tracks eben, gar nicht überhören kann. Plötzlich wird aus einer Bassline Acid, die HiHats setzen zu flirrendem Funk an, das durch den Track führende Saxophon oder Pianosample bekommt in einer ganz anderen Umgebung dennoch keinen anderen Sinn, und immer wieder scheint Lerosa auf einer EP die Genres zu wechseln, bleibt aber unverkennbar bei seinem Stil, der eben diese Offenheit in sich trägt. Wie ein Zeichen für eine Zeit, als House von schweren Beats zu leichtem Klimpern übergehen konnte, ohne daran zu zerbrechen und sich teilen zu müssen, und wie ein Zeichen für eine Zeit, die nicht vergehen kann, weil sie sich eben einfach nicht nach den Parametern der Linearität richtet, sondern nach den ganz eigenen Gesetzen von House, die zur Zeit kaum einer besser zu verstehen scheint als Lerosa. Zuletzt erschienen: Design EP (A Touch Of Class) Ruski (Real Soon) 22 | DE:BUG EINHUNDERTSIEBZEHN db117_22_23_musik.indd 22 15.10.2007 14:34:23 Uhr