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REVIEWS Bücher 01 01_ 02 SPOOK COUNTRY WILLIAM GIBSON PUTNAM Irgendwie geht es um Geld, aber das ist überhaupt nicht wichtig. William Gibsons neuer Roman hat nämlich kein Ende im herkömmlichen Sinne. Das ist kein Indiz dafür, dass “Spook Country” sich stilistisch nicht um traditionelle Merkmale des Roman-Genres kümmert ... das Ende der Geschichte ist einfach nicht wichtig und der Leser nimmt es dem SciFi-Autor nicht mal übel. Vier Geschichten erzählt Gibson parallel, aufgeteilt in kurze knackige Kapitel. Und natürlich ahnt man, dass die Geschichten zusammenhängen, aufeinander zulaufen, was die Spannung der rasanten Erzählstränge nur noch verstärkt. In L.A. recherchiert Hollis Henry, früher Popstar, heute Journalist, eine Geschichte über “locative art”, Gibsons altbewährter und einziger Cyber-Anschluss in diesem Buch. Bobby Chombo ist der Guru dieser Szene, verdient sein Geld aber mit ganz anderen Dingen und hängt mit den anderen Charakteren des Buches zusammen, deren Geschichte in New York beginnt: Tito, der kubanische Runner mit mysteriösem KGB-Training, der iPods mit verschlüsselten Daten ausliefert, Brown, der Spion mit unklarem Auftraggeber, der mit Hilfe von Milgrim, Drogenabhängiger mit guten Russisch-Kenntnissen, versucht, Tito aufzuspüren, Titos Handy abhört und sich Gespräche und Nachrichten von Milgrim übersetzen lässt. Über allem schwebt Hubertus Bigend, Medien-Connaisseur und Besitzer der Werbeagentur “Big Ant” (kennen wir schon aus “Pattern Recognition”) und des Magazins “Node”, der Hollis mit der “locative art”-Reportage beauftragt hat, eigentlich aber nur daran interessiert ist, dass Hollis Chombo aufstöbert, um Informationen über dessen eigentlichen Job zu bekommen. Chombo trackt einen Container mit wahnsinnig viel Geld, der auf den Weltmeeren stetig von einem Frachtschiff auf das nächste umgeladen wird. Hinter diesem Container ist auch der alte Mann her, an den Tito die iPods liefert. Die einzelnen Handlungsstränge sind per se schon so spannend, dass ihre Vermischung sich innerhalb kürzester Zeit zu einem furiosen Roman hochschaukelt. Natürlich treffen sich die Charaktere, ihre Geschichten haben zu viel Gemeinsames, als dass man das verhindern könnte. Der große Bang, mit allen Konsequenzen, über die man sich nach und nach klar wird, bleibt aber aus. Die unerwartete Wendung der Geschichte ist nur ein Aspekt, der “Spook Country” zu einem grandiosen Roman werden lässt. Die Art und Weise, wie Gibson es schafft, die SciFi-Ästhetik in die Gegenwart zu integrieren, sie so weit zu verdecken, dass man sie als Aspekt des Alltäglichen einfach hinnimmt, ist einzigartig. Ein großer Roman! THADDEUS HERRMANN us.penguingroup.com 02_ 03 THE GUM THIEF DOUGLAS COUPLAND BLOOMSBURY 03_ SPACE, TIME, PLAY. COMPUTER GAMES, ARCHITECTURE AND URBANISM FRIEDRICH VON BORRIES,STEFFEN P.WALZ UND MATTHIAS BÖTTGER (HRSG.) Was Douglas Coupland zu einem außergewöhnlichen Autor macht, sind nicht seine Geschichten, sondern sein Mut. BIRKHÄUSER VERLAG Sein Mut, Dinge auszusprechen, zu thematisieren und ihnen Johan Huizinga, der Begründer der (Video-)Spieltheorie, verein neues sprachliches Gewand zu geben, die auf den ersten suchte bereits in den 1930er-Jahren eine allgemeingültiBlick so banal erscheinen, dass sich kaum jemand an sie her- ge Definition von Spiel zu geben und bezeichnete dabei den antraut. Ganz einfache Dinge, unsere Grundängste, die einem räumlichen Aspekt, der einerseits Voraussetzung ist, anselbst so lächerlich erscheinen, dass man kaum wagt, sie dererseits durchs Spiel erst erzeugt wird, als “Zauberkreis“. auszusprechen. Couplands Bücher kreisen um diese Selbst- Heutige Computer- und Videospiele verlassen diesen recht zweifel, um die alltägliche Existenzangst und den Kampf, mit knapp gesteckten Rahmen, den man sich für eine Skatrunde der Welt zurecht zu kommen. Und so einfach und klar diese oder den PC-Monitor noch gut vorstellen konnte, und erobern Ängste sind, so offen und ehrlich, so einfach und direkt ist auf Handhelds, GPS-Handys und mit vernetzten CommuniCouplands Sprache in seinen Büchern. Hinter den Geschich- ties mehr und mehr den Raum des täglichen Lebens. Diese ten lauert die immer gleiche Frage nach dem “Wie weiter?”. Mobilität verändert unsere Städte und auf der anderen SeiSo auch bei “The Gum Thief”. Roger arbeitet bei Staples. Sein te verändert sich gleichzeitig auch die Architektur der SpieSohn ist tot, seine Frau hat ihn verlassen, er trinkt den gan- le. Wie wirken sich diese Veränderungen auf unsere Wahrzen Tag Wodka, eine Hellseherin weist ihn ab, sagt ihm auf nehmung von wirklichem und virtuellem Raum aus? Und was den Kopf zu, dass selbst, wenn sie ihm die Zukunft voraussa- können die Entwickler der physischen und digitalen Welten gen würde, er nichts an seinem kleinen, traurigen Leben än- voneinander lernen? Diese Fragen werden in “Space Time dern würde. Doch Roger schreibt einen Roman und ein Tage- Play” in über 180 Essays, Statements, Interviews, Beschreibuch über seinen Alltag bei Staples. Und weil ihm eine Mit- bungen von Projekten und Kritiken kommerzieller Computerarbeiterin noch hoffnungsloser vorkommt, schreibt er für sie spiele eingehend behandelt. Sehr angenehm ist bei dieser gleich mit. Sie findet das erst raus und dann daran Gefallen Fülle an Beiträgen die nachvollziehbare und übersichtliche und schreibt mit, zurück. Irgendwann schaltet sich auch ih- Aufteilung in fünf thematische Abschnitte, die mit einer Art re Mutter ein (Roger kennt sie von der High School), schließ- Historie der Architektur von Computerspielen beginnt und lich auch seine Ex-Frau. Diese Tagebuch-Einträge sind die bis zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der kulturelBasis für “The Gum Thief”, immer wieder unterbrochen durch len Relevanz von Computerspielen in der heutigen Zeit und in Auszüge aus Rogers Roman. Bald vermischen sich die ver- der Zukunft führt. Trotzdem muss das Buch nicht unbedingt schiedenen Handlungsstränge, verweben sich immer stär- linear von vorne nach hinten gelesen werden. Der Anspruch ker. Doch auch in Couplands neuem Buch geht es eigent- variiert dabei gelegentlich, so dass das Buch kaum als Einlich um die Fragen dahinter. Rogers Lebenssituation ist das stieg in die Game-Studies geeignet ist, sondern eher als ein Vehikel für die Philosophie des “kleinen Mannes”. Coupland interdisziplinärer “Reader” angesehen werden sollte, in dem stellt nicht nur in Frage, hat auch immer Antworten parat. die Verhältnisse von Raum, Zeit und Spiel ausführlich behanUnd Menschen, die gerne Coupland lesen, tun dies, weil sei- delt werden. ne Antworten ihnen helfen. Ein feines, ruhiges Buch, das mit FLORIAN BRAUER www.birkhauser.de viel weniger Hektik auskommt als “jPod”. Eines seiner besten obendrein. Und während “jPod” immer noch auf eine deutsche Übersetzung wartet, ist es in den USA zu einer Fernsehserie geworden, die ab Januar auf CBS zu sehen sein wird. Coupland freut es. Ein Jahr hat er den Schreibtisch mit dem Filmstudio getauscht und alles betreut. Wer weiß, welche Auswirkungen diese neue Umgebung auf sein nächstes Buch haben wird. THADDEUS HERRMANN www.bloomsbury.com DE:BUG EINHUNDERTSIEBZEHN | 45 db117_44_45_medien_neu.indd 45 10.10.2007 11:50:53 Uhr