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POLITIK Zeitmaschine Die verletzten Urlauber in der Türkei mögen sich fragen, was sie mit Terror und türkischer Politik zu tun haben. Warum zielen kurdische Extremisten in Marmaris und Antalya auf nichttürkische Badegäste, wenn sie doch die Türkei treffen wollen? Die Hoteliers kennen die Antwort schon aus dem Kurdenkrieg der neunziger Jahre: Kaum etwas schadet dem Land mehr als Touristen, die nicht mehr kommen. Nun scheint die Zeitmaschine angeworfen. Die Terrorgruppe Freiheitsfalken Kurdistans bekennt sich zu den Bomben im Badeparadies und verlangt die Freilassung des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan. Der türkische Generalstabschef kündigt eine harte Antwort an. Alles schon mal dagewesen. Irritierend nur, dass der Konflikt nach dem Waffenstillstand 1999, nach der Zulassung der kurdischen Sprache, nach den ersten kurdischen Radiosendungen wieder auflebt. Aber gerade in der Ruhe vor den Anschlägen dieses Jahres liegt die Erklärung. Denn die Reformen der Regierung Erdoğan, die Entspannung im kurdischen Südosten, die Popularität des kompromissbereiten kurdischen Bürgermeisters von Diyarbakır hatten den kurdischen Kampf eigentlich überflüssig gemacht – zum Leidwesen der Extremisten. Die Sprengsätze sind also so etwas wie der blutige Versuch, sich die abgelaufene Lizenz zum Kämpfen neu auszustellen. Die Armee und der Sicherheitsapparat reden wie programmiert: von Vergeltung, von Rücknahme der Reformen, von einer Militäroperation. Auch an diese Sprüche werden sich die Hoteliers im türkischen Westen erinnern. Bedauerlich, dass sich die Armee offenbar ebenso wenig verändert hat wie die Bombenwerfer. MICHAEL THUMANN Vorschläge Die Bahn wird menschlicher! Hartz-IV-Kräfte werden künftig nicht nur »älteren Menschen beim Aus- und Einsteigen« in Nahverkehrszüge helfen, wie es in einem ersten Strategiepapier aus dem Bundesverkehrsministerium heißt. Sie werden auch bestimmte Sorten von älteren Menschen (gewaltbereite Rentnergruppen von mehr als sieben Personen mit Wochenendticket) am Einsteigen hindern. Sie werden die Regionalbahnschaffner unter den Sitzbänken hervorzerren, wo diese sich immer dann verstecken, wenn Skinheads in der ersten Wagenklasse ihre Springerstiefel auf die Polster legen. Sie werden die Handys von Mittelmanagementtypen aus den Zugfenstern werfen, wenn diese bestimmte Schlüsselbegriffe öfter als viermal in der Minute benutzen (»Benefit generieren«). Sie werden den Brötchenmann knebeln, wenn er versucht, sein Brötchenverkaufsgedicht aufzusagen. Sie werden zum Schutz der Fahrgäste in jenen Toiletten die Flüssigseife aus den Seifenspendern entfernen, in denen es auch kein Wasser gibt. Sie werden uns die dreißig 5-Cent-Stücke, die der Fahrkartenautomat als Rückgeld ausgeworfen hat, in größere Münzen umwechseln. Und vom Winter 2007 an ist ein geradezu revolutionärer Service geplant: Auf einigen Pilotstrecken sollen dann Langzeitarbeitslose das Bahnfahren für die Fahrgäste komplett übernehmen. Aus der Privatwirtschaft, heißt es im Verkehrsministerium, kämen bereits laute Klagen, weil der Staat das lukrative Geschäft des Ersatzpendelns an sich reißen wolle. SUSANNE GASCHKE Unverhüllt Was nicht alles vom Apostel Paulus ausgelöst wurde! So hatte er den Frauen in der Gemeinde von Korinth – damals ein ziemlich schwärmerischer, sozusagen alternativer Verein – auferlegt, das Haupthaar zu bedecken. Es spricht einiges dafür, dass dieses frühe christliche Kopftuchgebot einige Jahrhunderte später vom Islam aufgenommen wurde. Solche Erwägungen drängten sich dem Betrachter auf, als er Angela Merkel zu Besuch beim Papst in Castelgandolfo sah – entgegen dem hergebrachten Protokoll nicht einmal mit einem Schleier, geschweige denn mit einem vollpaulinischen Kopftuch angetan. Da bisher nicht die Rede davon war, dass es im Urlaubsort des Papstes protokollarisch lockerer zugehe als in der Zentrale zu Rom, stellt sich die Frage: Was steckt hinter dem nicht vorhandenen Schleier? Gelten Verhüllungsvorschriften nur für angetraute Ehefrauen, nicht aber für Regierungschefs selber? Erste Umsetzungen des neuen Feminismus? Oder eine Folge des deutschen Kopftuchverbots für muslimische Lehrerinnen – nach dem Motto: Wo kein islamisches Zeichen, da überhaupt kein religiöses Symbol, nicht einmal vor dem Papst? Man wird sich dieses Datum merken müssen. Wenn der Islam die christliche Kopftuchanordnung circa 550 Jahre nach deren Einführung in Korinth übernommen hat, wenn Angela Merkel es am 28. August 2006 an allerhöchster Stelle, nämlich vor dem Nachfolger wenn schon nicht Pauli, so doch Petri endgültig durchbrochen hat, müsste es doch wiederum 550 Jahre später auch im Islam aufgehoben werden. Also Wiedervorlage spätestens am 28. August 2556. ROBERT LEICHT 31. August 2006 DIE ZEIT: Hat Nasrallah den Krieg gewonnen? Zipi Liwni: Neuerdings redet der Hisbollah-Chef ZEIT: Aber Israel hat doch gar keine echte strate- ganz anders: Hätte er die israelische Reaktion auf den unprovozierten Angriff vorausgeahnt, hätte er es gelassen. Hisbollah ist deutlich geschwächt. Im Libanon geschieht, was vor ein paar Monaten unglaublich gewesen wäre. Die Armee geht in den Süden, dazu kommt eine internationale Truppe. ZEIT: Die libanesische ist keine richtige Armee. Liwni: Es geht nicht um deren Qualität, sondern um einen Staat, der seine Souveränität im ganzen Land durchsetzt. Immerhin gibt es jetzt ein Waffenembargo gegen Hisbollah. Dass die das akzeptiert, widerspiegelt ihre Schwächung, obwohl sie ihre alte Stärke rasch wiederherstellen könnte. ZEIT: Der Zweck des Krieges war die Entwaffnung und Vertreibung der Hisbollah. Liwni: Nein, ein Ziel war es, eine Botschaft zu senden: Israel nimmt diese Attacken nicht mehr hin. Ein zweites war es, Hisbollah so weit zu schwächen, dass sie eine internationale Intervention akzeptiert. Die Resolution 1701 (die ein Waffenembargo und eine Friedenstruppe vorsieht, Anm. d. Red.) wurde in meinem Ministerium zwei Tage nach Beginn der Operation entworfen. Natürlich hätten wir auf ewig im Südlibanon bleiben können, aber das war nicht unser Ziel. ZEIT: Was war denn das Ziel – bloß ein Signal? Liwni: Nein, sondern auch, die Beiruter Regierung dazu zu bringen, ihre Truppen in den Süden zu schicken und die Wiederaufrüstung zu verhindern. Zudem konnten wir die weiterreichenden Raketen zerstören und Hisbollah von der Grenze verdrängen. Natürlich ist das nicht genug. Aber wir wollten den Beirutern eine Chance geben. ZEIT: Die libanesische ist die virtuelle Armee eines virtuellen Staates. Was kann die gegen Hisbollah ausrichten, die zweitbeste Armee in Nahost? Liwni: Die libanesische Armee soll nicht Israel verteidigen; das ist unsere Verantwortung. Aber wir wollen mithelfen, den Libanon in einen normalen, unabhängigen Staat zu verwandeln. Das ist die optimistische Version. Die andere: Wenn sich nichts ändert, werden wir erneut eingreifen … ZEIT: … gegen einen virtuellen Staat? Liwni: Nein, wir haben bewusst auf einen Angriff gegen den Libanon als solchen verzichtet; dazu hätten wir nur ein paar Tage gebraucht. Wir wollten den politischen Wandel, den die Resolution 1559 immerhin schon angestoßen hatte: Syrien musste den Libanon verlassen. ZEIT: Vielleicht war das ein Fehler, weil Syrien mit eiserner Hand für relative Ruhe gesorgt hatte. Liwni: Nein, das glaube ich nicht. Syrien bleibt unkonstruktiv konstruktiv und agitiert gegen internationale Truppen, die an seiner Grenze das Waffenembargo überwachen sollen. ZEIT: Gerade hat Assad eine Rede gehalten, die neben den wüsten Beschimpfungen auch das Wörtchen »Frieden« enthält: Wir wollen ja, aber die Israelis nicht. Liwni: Israel will Frieden seit der Staatsgründung. ZEIT: Das war kein interessantes Signal? Liwni: Es geht nicht um Reden, sondern um Taten. Bis jetzt gibt Damaskus den Spielverderber in der Region. Wenn Syrien mitspielen will, muss es verantwortungsbewusster handeln. ZEIT: Die Botschaft an Hisbollah hieß Abschreckung: Nicht noch einmal! Aber wird nicht auch Israel von einem neuen Waffengang abgeschreckt – nach all den weltweiten Protesten gegen »Unverhältnismäßigkeit« und »Völkerrechtsbruch«? Liwni: (seufzt) Ich hoffe, es gibt keine neue Runde. Aber erinnern Sie sich: Israel hat sich gegen eine unprovozierte Aggression gewehrt und wurde dabei von der Völkergemeinschaft unterstützt … ZEIT: … eine Zeit lang … Liwni: … okay, zwei Wochen, aber die Welt muss auch verstehen, dass es zivile Opfer geben kann, wenn sich Terroristen unter Zivilisten verstecken. Die israelische Armee wird aber immer so kämpfen, dass zivile Opfer vermieden werden. ZEIT: Dieser Krieg war nicht nur einer zwischen Israel und Hisbollah. Wie steht es um die nicht so stillen Teilhaber Syrien und Iran. War dies der erste israelisch-iranische Krieg? Liwni: Es ist richtig, dass Hisbollah nicht libanesische, sondern iranische Interessen vertritt. Aber das war kein offener Krieg gegen Iran. »Wir sind Teil des Westens« Israels Außenministerin Zipi Liwni über die Chancen der internationalen Friedenstruppe im Libanon, ihre eigenen Ambitionen und die Möglichkeit eines neuen Krieges Israel war lauter als gegen Hisbollah, die gezielt Zivilisten umbrachte « ZEIT: Die israelische Armee tat sich schwer, mit Die israelische Außenministerin ZIPI LIWNI »Die Libanesen kennen den Preis eines Angriffs auf Israel. Das wird sich so nicht wiederholen « ZEIT: Der amerikanische Wissenschaftler Fouad Ajami sagte der ZEIT: Mit diesem Krieg habe sich Iran eine »Grenze zu Israel erkauft«. Liwni: Gewiss. Hisbollah ist der lange Arm Irans, das keine Grenze zu Israel hat. Trotzdem haben wir die Eskalation gegen Syrien und Iran vermieden. ZEIT: Wir lesen, dass der Generalstabschef längst einen Befehlshaber »für nicht an Israel grenzende Länder« ernannt hat – also Iran. Liwni: Glauben Sie doch nicht alles, was in der Zeitung steht. ZEIT: Falsch? Liwni: (seufzt) Ich soll auch jemanden für die Verhandlungen mit Syrien ernannt haben. ZEIT: Glückwunsch! Liwni: Das ist nur ein weiteres Beispiel für Übertreibungen. Wir müssen uns auf die Bedrohungen einstellen und unsere eigenen Schlüsse ziehen. gische Option gegen Iran. Liwni: Sie sind zu pessimistisch. ZEIT: Ich muss nur auf die Landkarte gucken und auf die Mittel, die Israel hat, genauer: nicht hat. Liwni: Zurzeit unterstützt Israel die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, das iranische Atomprojekt zu stoppen. Ich hoffe, dass sie entschlossen genug ist, und dann sehen wir weiter. ZEIT: Israel hat stets eine internationale Truppe im Libanon abgelehnt. Woher dieser wundersame Sinneswandel? Liwni: Diesmal wollen wir ein kalkuliertes Risiko eingehen. Wir brauchen diese Truppe nicht, um Israel zu verteidigen. Aber wir wollen mit ihr kooperieren, um Beirut zu helfen, seine Soldaten im Süden zu stationieren und das Waffenembargo einzuhalten. Darum geht’s. ZEIT: Israel war immer gegen eine solche Truppe, weil diese seine Armee bei einem Schlag gegen den Südlibanon behindern könnte. Was ist, wenn Hisbollah wieder aufrüstet und schießt? Werden Sie dann Franzosen oder Italiener angreifen? Liwni: Wir akzeptieren diese Truppe, wenn sie robust und wirksam ist. Was wäre denn die Alternative: Rückzug und Hoffen auf die libanesische Armee? Oder gar bleiben? So ist das in Nahost: nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln. »Der Aufschrei gegen Foto [M]: Laurence Chaperon für DIE ZEIT 2 iranisch ausgerüsteten und ausgebildeten Hisbollah-Kämpfern fertig zu werden. Wieso sollten die Italiener besser sein? Liwni: Wir setzen auf das Gesamtkonzept: libanesische Armee plus internationale Truppe. ZEIT: Hisbollah muss nur die klassische Taktik benutzen, Raketen aus der unmittelbaren Nachbarschaft dieser Truppe abzuschießen, um so israelische Schläge gegen deren Lager zu provozieren. Liwni: Seit die Resolution 1701 mit ihrer Pflicht zur Waffenruhe verabschiedet wurde, hat Hisbollah sie nicht gebrochen. ZEIT: Abermals Glückwunsch! Liwni: Die Libanesen kennen den Preis für einen Angriff auf Israel, und Hisbollah kennt den Preis, den ein solcher für ihre politische Position im System hätte. Ich glaube also nicht, dass Hisbollah so schnell eine Wiederholung plant. Trotzdem: Das ist eine Bedrohung, mit der Beirut und die internationale Gemeinschaft fertig werden müssen. ZEIT: Ein anderes Wunder: Israel heißt deutsche Kräfte willkommen, und Berlin will sie bereitstellen. Die Vergangenheit lebt doch noch. Liwni: Die Vergangenheit ist Teil unserer Beziehung und wird es immer bleiben. Aber wir müssen unterscheiden zwischen deren Bedeutung für unser Volk und der Lage im Libanon. Wie gesagt: Wir wollen nicht beschützt werden, wir wollen mit dieser Truppe kooperieren, um die Lage im Libanon zu verbessern. Wenn sich Deutschland beteiligt, wäre das eine unabhängige deutsche Entscheidung; ich bin nicht in Berlin, um deutsche Truppen zu erbitten. Es geht darum, wie Deutschland seine Rolle bei der Verwirklichung der Resolution 1701 wahrnehmen will. ZEIT: Warum sind Sie dann hier? Damit die Deutschen wieder den Vermittler beim Gefangenenaustausch spielen? Liwni: 1701 fordert die bedingungslose Freilassung israelischer Geiseln. Mein Besuch hat nichts mit Vermittlung zu tun. Es geht um Iran und vor allem die Überwachung des Waffenembargos. ZEIT: Sind die Beziehungen zwischen Berlin und Jerusalem heute besser als früher? Liwni: Ich bin erst seit ein paar Monaten Außenministerin. Aber die Beziehung war immer eine besondere und freundschaftliche. ZEIT: Das Verhältnis zu Europa insgesamt scheint sich zu verbessern. Früher hat Israel die EU eher ignoriert, weil Europa zu schwach und vielleicht auch zu pro-arabisch gewesen sei. Liwni: Die Welt hat sich verändert, weil die neuen Bedrohungen nicht nur auf Israel zielen. Es gibt einen Clash der Ideologien, und Israel sieht sich als Teil des Westens. Israel und Europa teilen doch dieselben Werte, auch viele Interessen, obwohl Europa das nicht immer so sieht. Ich bin bereit, von Europa kritisiert zu werden, solange Europa und die Welt dieselben Maßstäbe ansetzen wie an sich selbst und unsere Gegner. Jedes Rechtssystem unterscheidet zwischen einem Mörder, der gezielt tötet und einem, der das etwa bei einem Unfall ungewollt tut. An diesen Standards möchte ich gemessen werden. Der Aufschrei gegen Israel war lauter als der gegen Hisbollah, die gezielt Zivilisten umbrachte. Hisbollah wird als wilder Teenager betrachtet; Europa sollte sie dazu bringen, wie Erwachsene zu handeln. ZEIT: Es gibt massive Kritik auch in Israel. Wackeln der Stabschef und der Premier? Liwni: (lacht) Das wird die Zukunft zeigen. Wenn sich die Lage im Libanon bessert, wird die Öffentlichkeit erkennen, dass etwas Gutes dabei herausgekommen ist. ZEIT: Die Regierung bleibt? Liwni: Soweit ich das beurteilen kann, ja. ZEIT: Sind Sie der nächste Premier? Liwni: (stöhnt und lacht) Ich weiß es nicht. DAS GESPRÄCH FÜHRTE JOSEF JOFFE DIE ZEIT Nr. 36 " WORTE DER WOCHE »Wir waren nicht vorbereitet, wie wir es hätten sein müssen.« Ehud Olmert, israelischer Ministerpräsident, zur Bilanz des Krieges im Libanon »Hätten wir gewusst, dass die Gefangennahme der Soldaten all dies nach sich ziehen würde, hätten wir es nicht getan.« Hassan Nasrallah, Hisbollah-Chef, über die Folgen der Entführung der beiden israelischen Soldaten am 12. Juli 2006 »Ich will keine Männer runterschicken, die dann dort gedemütigt werden.« Michèle Alliot-Marie, französische Verteidigungsministerin, über die Notwendigkeit eines robusten UN-Mandats für die internationale Libanon-Truppe »Ich lade Herrn Bush zu einer unzensierten Fernsehdebatte ein, in der wir unsere Vorschläge zur Lösung der internationalen Krise diskutieren können.« Mahmud Ahmadineschad, iranischer Präsident, zum Ablauf des im internationalen Atomstreit verhängten Ultimatums »Mit der schnellen Verhaftung haben wir der unmittelbaren Gefahr die Spitze genommen.« Jörg Ziercke, BKA-Präsident, nach der Festnahme von drei Verdächtigen im Fall der so genannten Kofferbomber »So könnte man jeden Tag empfangen werden.« Angela Merkel, Bundeskanzlerin, über die zahlreichen Besucher beim »Tag der offenen Tür« im Berliner Kanzleramt »Wir suchen immer nach Möglichkeiten für gemeinnützige Arbeit, die Empfänger staatlicher Unterstützung leisten können.« Wolfgang Tiefensee, Bundesverkehrsminister (SPD), zu seinem Vorschlag, Hartz-IV-Empfänger als unbewaffnete Patrouillen im öffentlichen Nahverkehr einzusetzen »Es ist sinnvoll, solche Altanlagen früher vom Netz zu nehmen.« Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister (SPD), zum Streit um die Sicherheit des AKW Brunsbüttel bei Hamburg »Pluto ist tot.« Michael E. Brown, US-Astronom, nach der Entscheidung der Internationalen Astronomischen Union, Pluto den Planetenstatus abzuerkennen »Selbst Kinostars haben jetzt ihre eigenen Fernsehshows. Mel Gibson hat eine auf al-Dschasira.« Conan O’Brien, Moderator bei der Emmy-Verleihung, über den Schauspieler, der kürzlich durch antisemitische Äußerungen aufgefallen war " ZEITSPIEGEL Die Nashville-Rebellion Hielten die Konservativen in der amerikanischen Country-Szene bislang das Zepter fest in der Hand, droht nun Konkurrenz von einer demokratischen Musikerbewegung. Die Dixie Chicks hatten 2003 wegen ihrer AntiBush-Äußerungen bereits die Härte der Radiostationen zu spüren bekommen. Nun, beflügelt vom Umfragetief der konservativen Regierung, werden auch die Demokraten in Nashville mutig. Einen Eindruck der neuen Country-Rebellion gegen Präsident George W. Bush und dessen Außenpolitik gibt ein Song mit dem Titel W. Cheese, »W. Käse«: »Sie haben unsere Teller mit Freiheitsfritten gefüllt, mit roten, schwarz-blauen, weißen Lügen. Und einer helfenden, hassenden Portion W. Cheese.« Autor ist der Songschreiber Darrell Scott, der sich selbst als eher unpolitisch beschreibt. Aber das derzeitige Umfeld habe ihm keine andere Wahl gelassen. WIF Telefon-Frevel Der Marschall würde sich im Grabe umdrehen. Fast neunzig Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges ist Philippe Pétain, dem Helden von Verdun und Hitlers späterem Marionetten-Despoten, das Feldtelefon geklaut worden. Der Apparat stand 1916 im ersten Stock des Rathauses von Souilly in Lothringen, das den französischen Streitkräften als Hauptquartier diente. Von dort aus dirigierte der damalige Oberbefehlshaber Pétain die Truppen im nahe gelegenen Verdun. Seitdem ruhte das Telefon des Marschalls, vergangene Woche verschwand es während eines schnöden Flohmarktes im Rathaus. Die Diebe stahlen zudem ein Originaldokument mit den Namen der Weltkriegsgefallenen und einen kupfernen Knauf vom Treppengeländer. Bürgermeister Hubert Vernier ist fassungslos über den Frevel an Pétains Büro: »Nicht einmal die deutschen Soldaten haben es angerührt.« DAK Majestätsbeleidigung Polens Präsident Lech Kaczyński nimmt weiter übel. Ein Gericht in Warschau eröffnete vergangene Woche den Prozess gegen einen Obdachlosen, der Kaczyński beleidigt haben soll. Darauf stehen in Polen bis zu drei Jahre Haft. Auch die Ermittlungen gegen den Autor des berüchtigten Kartoffel-Artikels in der taz laufen weiter. Kaczyńskis Vorgänger Aleksander Kwaśniewski ließ sich einiges mehr gefallen. So pöbelte ein Oppositionspolitiker im Jahr 2005, wer zu kommunistischen Zeiten so schnell Karriere gemacht habe wie Kwaśniewski, der könne nur von Moskau gesteuert sein. Die Anklage wurde fallen gelassen. Der Oppositionspolitiker von damals ist übrigens der Zwillingsbruder des heutigen Präsidenten und inzwischen selbst Regierungschef: Jarosław Kaczyński. DAK