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Subjekt & Objekt
Participatory Design & Object-oriented Design. Eine Reflexion
Frieder Nake, Universität Bremen
Dem Anlass dieses Aufsatzes entsprechend, will sich der Autor einen Stil genehmigen, wie er
im wissenschaftlichen Rahmen nicht immer gern gesehen sein mag. Warum auch, so frage ich
mich als einer, der das Glück hat, oft zwischen den Welten zu wandern – warum auch sollte,
wenn es um Perspektiven der Informatik geht, nicht ein Quentchen essayistischer Stilistik
zugelassen sein?
Wolfgang Hesse hatte, seiner Neigung zum Philosophischen folgend, nach solchen Perspektiven der Informatik gefragt, die objekt-, subjekt- oder handlungsorientiert genannt werden könnten. Besehen wir die Frage etwas enger, so werden daraus wohl doch Perspektiven
der Software-Entwicklung werden. Ich will deswegen in diesem Beitrag zunächst kurz sagen,
wie ich das Verhältnis beider zueinander sehe.
Um der Perspektive des Subjekts zu ihrem Recht zu verhelfen, möchte ich einen – naturgemäß subjektiv gefärbten – Blick auf die aus Skandinavien gekommene partizipative
Software-Entwicklung werfen. Davor gibt es eine Seitenbemerkung zum Verhältnis von Entwicklung und Design, die nicht nur der Sprachregelung, sondern auch des Inhalts wegen notwendig ist. Die Perspektive des Objektes kommt dann – in objektivistischem Gestus – zu ihrem Recht in der Behauptung einer Notwendigkeit objektorientierter Programmiersprachen.
Eine skeptische Betrachtung zur Art der Objekte, die die Informatik hervorbringt, soll
sich anschließen. Ich werde die Objekte als Zeichen einer besonderen Art kennzeichnen, die
ich explizieren werde. Es trifft sich, dass, was bei Christiane Floyd und Michaela Reisin „autooperationale Form” genannt wird, hier als „algorithmisches Zeichen” erscheint. Auch bei
Jay David Bolter finden wir es bereits im Jahre 19911.
Die Handlung als die dritte hier nachgefragte Perspektive der Informatik spare ich aus.
Nicht, dass sie mir unwichtig wäre. Im Gegenteil: sie muss mir gar nicht wichtig werden, da
sie es immer ist. Wie sollten Informatiker und Informatikerinnen ihr Geschäft, die Kopfarbeit
zu maschinisieren, betreiben, wenn sie nicht auf die Handlungen der Arbeitenden – allgemeiner: der Tätigen – achteten? Die Hessesche Frage will uns also zweifellos vor die Alternative
stellen, statt des Objekts oder Subjekts die Handlung selbst ins Zentrum der Anstrengungen
um Begriffe, Techniken und Methoden zu stellen.
Das dürfte auf folgendem Schema aufsetzen. Der tätige Mensch existiert, indem er als
arbeitendes Subjekt verändernd auf ein bearbeitetes Objekt einwirkt und indem dieses Verhältnis eine Handlung darstellt. Die Handlung erscheint dabei als die mittlere Ebene einer
arbeitspsychologischen Differenzierung im ökonomischen Begriff der Arbeit2. Arbeit geschieht danach als eine Tätigkeit, die umfassend auf ein Bündel von Zielen ausgerichtet ist
und den Menschen über einen ausgedehnten Zeitraum hin gefangen nimmt. Solche umfassen-
de Tätigkeit findet als Struktur von Handlungen statt, die hinter- oder nebeneinander ausgeführt werden und von denen jede ein der Tätigkeit untergeordnetes Teil-Ziel besitzt, das seinen weiteren Sinn erst aus dem Ziel der Tätigkeit selbst gewinnt. Jede Handlung wiederum
besteht aus einzelnen Operationen, den kleinsten unterschiedenen Aktivitäts-Bestandteilen.
Die hier angesprochene Sinn-Einheit der Handlung mag das Stichwort für Wolfgang
Hesses dritte Alternative gegeben haben. In Subjekt und Objekt erscheinen Operationen und
Handlungen. Ohne Subjekt- und Objekt-Bezug wäre Handlung nicht zu fassen. Sie ist deutlich von relationaler Art, während Subjekt und Objekt (naiv gesehen) durchaus als Einzelinstanzen, als Gegenstände, gedacht werden können.
1 Informatik und Software-Entwicklung
Wenden wir uns dem Verhältnis von Informatik und Software-Entwicklung zu. Naiv stehen
sie wie der prinzipielle und der ökonomische Zugang zu einem Phänomen zu einander.
Das Phänomen ist das der Existenz von Computern, Netzen, Datenverarbeitung, algorithmischen Modellen, kurz: einer technischen Infrastruktur, die die Grundlagen der Industriegesellschaft so heftig durchzogen und umgewälzt hat, dass ihr bis hin zum Begriff ihrer selbst
alles abhanden gekommen ist, was sie ausmachte. Sie nennt sich selbst gern Informationsgesellschaft und hat zur Verstärkung dieser Entwicklung die Wissenschaftsdisziplin Informatik
kreiert und ein Bündel von beruflichen Tätigkeiten der Software-Technik hervorgebracht.
Informatik ist in dieser Sichtweise die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Konstruktion von Software.3 Ihre Orte sind die Universität, die Konferenz, die Zeitschrift. Man
betreibt sie in eher theoretischer Absicht, will Prinzipien solcher technischen Artefakte, ihrer
Schaffung und ihrer Verwendung identifizieren und sie so fassen, dass ihre Befolgung Auswirkungen auf die gesellschaftliche Praxis erlangen kann. Die Informatik bezieht sich ohne
Frage auf die Maschinisierung von Kopfarbeit, was zu erläutern hier der Platz fehlt.4
Software-Entwicklung hingegen erscheint als jener Bereich gesellschaftlicher Praxis, der
der Hervorbringung von Software unter ökonomischen Schranken gewidmet ist und Verwertungsbedingungen beachten muss. Ihre Orte sind Industrieunternehmen, Start-up Firma,
HighTec Schmiede, die Messe. Wo der Informatiker rückhaltlos fragen darf und soll, ist es
der Software-Entwicklerin bei Androhung von Konventional-Strafen untersagt, Termin- und
Mittelschranken zu überschreiten.5
Selbstverständlich zeichne ich ein idealisiertes Bild. Es soll der raschen Verständigung
über Begriffe dienen. Gerade im Feld der Software ist es faszinierend zu registrieren, in welch
hohem Maße theoretische Fragestellungen unmittelbar aus praktischer Not entstehen, und
theoretische Ergebnisse direkt in Techniken und Produkte überführt werden. Karl Marx würde
vom Zustand der Wissenschaft als unmittelbarer Produktivkraft sprechen und damit das Verhältnis von Informatik und Software-Entwicklung auf den Begriff bringen.
Nur erwähnt sei, dass der Begriff Software als Ansammlung von Programmteilen und
deren Strukturen, von Daten und ihren Strukturen, von grafischen Präsentationen und Interaktionsstrukturen den Begriff des Systems evoziert. Damit muss heute die Dialektik von System und Umwelt gemeint sein, eine Perspektive, der ich hier nicht nachgehen kann.
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Dirk Siefkes weist mich darauf hin, dass seine hybriden Objekte ebenfalls das Gleiche meinen.
Die Differenzierung besteht in der Schichtung von umfassender Tätigkeit, aktuell betriebener Handlung und
kontextarmer Operation im Detail. Die Activity Theory geht solcher Differenzierung nach. Walter Volpert, Yngve Engeström, Arne Raeithel, Susanne Bødker, Bonnie Nardi u.v.m. haben dazu im Gefolge der russischen Pioniere Wygotski, Leontjew, Luria in den letzten Dekaden kräftige Impulse gesetzt. Die skandinavische und Teile
der US-Szene der Software-Entwicklung sind geprägt hiervon (s. Raeithel und Volpert in [Coy et al. 92]).
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Man mag hierfür die sehr anregende Sammlung [Schefe et al. 93] zur Informatik als Disziplin konsultieren.
Wer nachlesen möchte, sei auf [Nake 92] aufmerksam gemacht.
Die Sammlung [Desel 01] enthält auch Aufsätze zum Verhältnis von Informatik und Software-Erstellung.