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Wahrheit, Konsens und Therapie werden dabei bei Oevermann als die wesentlichen Funktionsvoraussetzungen jeder Gesellschaft verstanden. In jeder Profession spielen alle drei Aspekte eine gewisse Rolle. Es gibt aber Spezialisierungen. So wird z.B. die Pädagogik von Oevermann im Bereich der Therapiebeschaffung angesiedelt. Für Oevermann verbinden sich in der realisierten Professionalität die: wissenschaftliche Kompetenz, die den Umgang mit Theorie und den engen Kontakt zum Fachwissen der Disziplin (Jura, Medizin, Theologie oder Erziehungswissenschaft) betrifft und die hermeneutische Kompetenz, aufgrund derer ein bestimmtes Problem verstanden werden kann. Dazu ist wissenschaftliches Wissen allein nicht ausreichend; praktische Erfahrung ist notwendig. Das wissenschaftliche Wissen ist nicht umstandslos auf praktische Probleme anwendbar, weil es abstrakt ist und die Wirklichkeit demgegenüber sehr konkret und vielfältig. Die intuitive Auseinandersetzung ist nicht ausreichend, weil Intuition und Erfahrung sich im Kreise drehen können. Die Aufgabe des Professionellen besteht darin, zum Zweck der Bearbeitung eines Problems, das wissenschaftliche und das hermeneutisch-fallbezogene Wissen, so zu verbinden, dass praktische Deutungen und Handlungsstrategien zustande kommen. Ganz ähnlich die Position Nohls (2002/1933), der versucht, Kriterien für die Angemessenheit pädagogischen Handelns zu entwerfen. Versucht man dessen Argumentation auf die Informatik zu übertragen, dann wird der Informatiker7 zu einer Vermittlungsinstanz zwischen Subjektivität (Perspektive des Klienten/Adressaten) und Objektivität (gesellschaftliche Anforderungen). Sein Kennzeichen ist, dass er aufgrund wissenschaftlicher und praktischer Kenntnisse zum einen auswählend und vermittelnd, zum anderen interpretierend tätig ist. Eine zentrale Stellung nimmt im professionellen Handeln die stellvertretende Deutung ein. Professionelle deuten für Klienten8 (Dienstleistungssicht!) ein Problem, das der Klient selbst nicht verstehen und lösen kann, weil er von dem Problem betroffen ist. An dieser Stelle ergeben sich wesentliche Fragen an die Informatik: Wie handeln hier Informatiker? Wie verhält es sich in diesem Sinne mit partizipativen Verfahren? Können bzw. dürfen Informatiker handeln, wenn ein Klient sein Problem nicht (hinreichend) versteht? Folgte man nicht der objektiven Hermeneutik9 von Oervermann sondern systemtheoretischen Denkansätzen, so kommt man mit Stichweh (1992) zu ähnlichen Ergebnissen. Dieser nimmt die Beziehung zwischen Professionellen und Klienten aus systemtheoretischer Perspektive in den Blick. Er geht der Frage der Interaktionsabhängigkeit in der Beziehung Professionelle – Klienten nach und davon aus, dass Probleme der Personen 7 Bei der Verwendung des Begriffs Informatiker seien die Informatikerinnen mitbedacht. Letztere mögen die Verwendung der männlichen Form entschuldigen. 8 Insofern kann dies nur Gültigkeit beanspruchen, wenn der Professionelle dem Klienten auch zugewandt ist! 9 der diesen Überlegungen zugrunde liegenden philosophischen Denkweise als Ort der Problembearbeitung „Interaktionssysteme“ benötigen. Seine Kategorie der Vermittlung10, die an Oevermanns stellvertretende Deutung erinnert, steht im Mittelpunkt der Professionstheorie und der Handlungswirklichkeiten der Professionen. Professionen sind mit kulturellen Sachthematiken befaßt, „von denen ihre Klientel strukturell [...] durch eine erhebliche Distanz getrennt ist, und weil die jeweilige Profession [...] immer auch Distanzüberbrückungen intendiert“ (Stichweh, 1992:34). Professionen sind nach Oevermann, Nohl und Stichweh als wichtige gesellschaftliche Orte der Vermittlung von Theorie und Praxis in der modernen Welt anzusehen. Professionelle haben diese Vermittlung konkret bei jedem bearbeiteten Fall (neu) zu leisten. Mit dieser Art Professionsbegriff sind wir (bestimmten) Handlungsformen angewandter Informatik sehr viel näher, als dies mit einem klassisch-kriteriellen Professionsbegriff jemals möglich gewesen wäre. 3.2 Lernen aus der Professionaliserungsdebatte der Pädagogik: Zur Vorstellung einer Mäeutischen Informatik In Auseinandersetzung mit den Arbeiten Oevermanns ist Korings (vgl. 1999:Teil 6.8) Bild professioneller Pädagogik geprägt von zwei regulativen Ideen, die sich sinngemäß auf die Informatik übertragen lassen: Der Informatiker hat sich an der Ermöglichung von Selbsttätigkeit und Selbständigkeit der Klienten zu orientieren. Er hat sich an der Struktur einer mäeutischen Informatik zu orientieren, also einer Informatik, die an schon vorhandene Kompetenzen produktiv anknüpft. Der Informatiker muss also mit situativen Arrangements dafür sorgen, dass Selbsttätigkeit möglich ist und gefördert wird. Der Klient muss sich produktiv mit dem, was entstehen soll (Informatik-System) und den kulturellen Veränderungen befassen – ansonsten ist die anwaltliche11 Aufgabe des Informatikers nicht wahrnehmbar. Dies führt uns geradewegs zur Mäeutik als (ehemals pädagogischer) Hebammenkunst. Für Informatiker in der Dienstleistungssituation heißt dies, darin geschult zu sein, im (dialektischen) Gespräch ein Wissen bzw. Können zutage zu fördern, das dem Gegenüber zunächst verborgen war. Im professionellen Handeln strukturiert und begleitet der Informatiker den Prozess, in welchem die Klienten versuchen, die Probleme und Bedingungen ihres eigenen „Arbeitens“ zu artikulieren. Der Informatiker deutet diese artikulierte neue Bedeutung in ihrem Verhältnis zum Thema, zum Problem, zur Person und zum Gestaltungsprozess selbst. An diesen informatischen Deutungen können die Adressaten erkennen, an welcher Stelle sie im Gestaltungsprozess stehen. 10 Stichweh zieht den Begriff der Vermittlung dem der stellvertretenden Deutung vor, weil stellvertretende Deutung eine zweistellige Relation suggeriere, während tatsächlich eine dreistellige vorliege, und zwar im Sinne der Repräsentation einer autonomen Sinnperspektive oder Sachthematik durch den Professionellen in seinem interaktiven Verhältnis zum Klienten (vgl. Darstellung Stichweh in Koring, 1996:320). 11 in Bezug auf die stellvertretende Deutung