Download - E-Theses
Transcript
sehen seine Lebensumstände ohne Kommentar geschieht bei Goya durch die Dauer der Betrachtung und den sich dabei entfaltenden Interpretationsmöglichkeiten. Abbildung 52 der Caprichos erzielt so einen Effekt: ein Geist erschreckt eine junge Frau. Durch die Inschrift ‚Lo que puede un Sastre‘ erkennt der Betrachter, dass es sich offensichtlich um den Scherz eines Schneiders handelt, der ein Leintuch um einen Baum gehängt hatte.25 Am Ende bleibt der Eindruck die Entstehung eines Aberglaubens beobachtet zu haben. Hier kann Goya die Vorteile der Bildrezeption nutzen. In wenigen Augenblicken wird sich der Betrachter der Allegorie auf den Aberglauben gewahr, de la Iglesia benötigt für die Vermittlung dieser Essenz eineinhalb Stunden Erzählzeit. Goya schafft es das Nicht-Greifbare im Bild verständlich zu machen. Sein Bild behauptet und beweist die Existenz von etwas Abwesenden, nämlich die Wirkweise des Aberglaubens. Das macht seinen Zauber aus (vgl. S.43). Diese Realitätsabbildung erzeugt einen Schock beim Betrachter, ähnlich der Wirkung des Fotos, das Ungeschautes und Vergängliches abbilden kann (S.45). Im Film stehen andere Möglichkeiten zur Verfügung. Hickethier beschreibt den Wandel von der Statik des Bildes zur Dynamik im Film so: Das Bild (als stehendes Bild) erscheint traditionell als eine ortsgebundene, zeitlose Organisation der Dinge. Es zeigt und präsentiert etwas. Das Präsentative wird über das Zeigen von Bewegungen performativ. Die Performanz ist ein grundlegender Bestandteil der audiovisuellen Medien Film und Fernsehen. Als eine Organisation eines Geschehens in der Zeit wird auch das Erzählen verstanden. In den audiovisuellen Medien hat sich dieser Gegensatz zu einer neuen Form bildhaften Erzählens und 25 Das obscuritas Stilmittel (vgl. Aichinger 2006. S.329; siehe 4.2.3 Schönheitswahn) 62