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W. HAUCK, C. LOCHER, A. LÖTSCHER, M. NUSSBAUMER & A. ZANGGER
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bezeichnet, möchte man, dass er "motiviert" ist. Je mehr man sich aber daran
gewöhnt, dass die Bundesstelle, die für Arbeit, Wirtschaft usw. zuständig ist,
"seco" heisst, desto weniger interessiert die Motiviertheit von "seco". Alle
wissen ungefähr, was das BUWAL ist und wofür es zuständig ist; viele
könnten das aber nicht zu "Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft"
aufschlüsseln, und doch ist das höchstens ein theoretisches Problem. Für
Kurzwörter ist es geradezu typisch, dass sie mehr und mehr ein Eigenleben
führen, und manchmal ist es sogar ein Vorteil, wenn die Vollbezeichnung nicht
mehr allgemein präsent ist: Alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der
Schweiz wissen, dass sie sich bei einem Unfall an die SUVA wenden müssen,
aber dass "Suva" für eine so altmodische Bezeichnung wie "Schweizerische
Unfallversicherungsanstalt" steht, dürfte den wenigsten bekannt sein.
Die Kunstwörter, die man auf der Suche nach einheitlichen
Kurzbezeichnungen geprägt hat, werden den sprachlichen Minderheiten oft
nicht gerecht 40 ; nicht selten tendieren sie auch dazu, die –
zugegebenermassen hohen – Anforderungen der Mehrsprachigkeit durch den
Rückgriff aufs Englische (z.B. fedpol, swisstopo) zu umgehen. Dass dies im
Zeichen der Globalisierung und der zunehmenden internationalen
Verflechtung (auch) der Schweiz "praktisch" wäre, ist nicht zu bestreiten. Die
Frage ist nur, ob es auch sprachpolitisch wünschbar ist und der Identität eines
mehrsprachigen Landes dient. Die "Empfehlungen" fordern in diesem
Zusammenhang klar, dass "bei der Bildung solcher Kurzbezeichnungen… den
Amtssprachen der Vorzug zu geben" sei. Könnte hier eine "ausgleichende
Gerechtigkeit" weiterhelfen, welche die Kurzbezeichnungen ungefähr
gleichmässig auf die verschiedenen Amtssprachen verteilt? Oder weist
vielleicht die vom Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie gewählte
Lösung – "MeteoSchweiz" / "MétéoSuisse" / "MeteoSvizzera" – einen
gangbaren Weg?
Kurzbezeichnungen wie seco, fedpol, METAS, swisstopo, swissmint (um nur
einige zu nennen) haben den kommunikationstechnischen Vorzug, dass sie in
allen (Amts-)Sprachen identisch sind. Dies ist dem "Branding" einer
Organisationseinheit zweifellos förderlich. Bei der Prägung dieser Kunstwörter
ist gewöhnlich auch auf die gute Aussprechbarkeit – nicht nur im Deutschen –
geachtet worden.
40
So hat z.B. die "Schweizerische Unfallversicherungsanstalt" ihre dreisprachigen Kürzel
SUVA/CNA/INSAI durch das einsprachige SUVA ersetzt. Ebenso wird die neu zu schaffende
Finanzmarktaufsicht voraussichtlich in allen Amtssprachen unter der vom Deutschen
abgeleiteten Kurzbezeichnung FINMA auftreten. Übrigens kommt es auch vor, dass sich
deutschsprachige Kürzel wegen ihrer guten Aussprechbarkeit in den anderen Sprachregionen
"spontan" durchsetzen, wie z.B. das in Tessiner Tageszeitungen verwendete Kürzel BUWAL ("il
Buwal") zeigt.