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WIE MAN EIN KOCHMESSER Es war einer jener Tage, an die man sich ein Leben lang erinnert. Es war der Tag, an dem ich beschloss, fortan nur noch ernsthaft zu kochen. Mit allen Konsequenzen: keine Kochbeutel mehr, keine Fertigsoßen, kein Chaos in der Küche. Und eine weitere Konsequenz hieß: Ich brauchte ein Kochmesser. Mein Kochmesser. Das Instrument, das kein anderer je verwenden würde, das mich begleiten würde durch mein ganzes restliches Hobbykoch-Leben, vielleicht einmal bis ins Grab. Ich hatte so was über japanische Köche gehört. Dieser Entschluss traf mich wie ein Blitz, und es war kein Zufall, dass das in Barcelona geschah. Auf der Plaça del Pi nämlich, im Gotischen Viertel unweit der Ramblas, gibt es den unglaublichsten Messerladen, den ich kenne. Und ich kenne inzwischen viele. Von außen ist die Ganiveteria Roca ganz Vitrine, mit Hunderten von Messern, Messerchen, Scheren und wieder Messern, die hinter Glas die Fassade hochklettern, sich auffächern zu opulenten Blütenmustern. Von innen gleicht der Laden einer Behörde: hochgeschlossene Schränke, die nichts von ihrem Inhalt verraten, gemurmelte Beratungsgespräche, man zieht eine Wartenummer. Wenn sie aufgerufen wird, tritt man vor und schildert sein Anliegen. Die Señora, die für mich zuständig war, holte eine Filzmatte hervor, ein grünes Rechteck, wie es einst unter meiner Schreibmaschine lag, damit meine nächtlichen Ergüsse nicht die Familie weckten. Die Señora legte die Im Uhrzeigersinn von oben rechts: GIESSER Duo, 18 cm, 45 Euro DICK 1778, 24 cm, 429 Euro CHROMA Haiku Pro-Gyutou, 21 cm, 650 Euro GLOBAL G-2, 20 cm, 89 Euro WÜSTHOF DREIZACK Grand Prix 11, 20 cm, 69 Euro CHROMA Haiku, 20 cm, 79 Euro Filzmatte vor mir auf den Tresen. Dann taxierte sie meine Hand. Dann brachte sie die Messer. Ich lernte viel in der nächsten Dreiviertelstunde: dass die teuersten, handgeschmiedeten Messer nicht einmal rostfrei sind. Dass man Messer, auch wenn ihr Griff das aushalten würde, nie, nie in die Spülmaschine geben darf, weil das Spülmittel den feinen Grat der Schneide wegätzt. Ich lernte, was ein Santoku ist: ein Messer in dieser breiten Form, bei dem die Schneide gerade und der Rücken gebogen ist, so wie es in Japan beliebt ist. Und dass der Kullenschliff an manchen Klingen dafür sorgt, dass das Schneidegut nicht festklebt. Ich erfuhr, dass das Wichtigste bei einem Kochmesser die Ausgewogenheit zwischen Klinge und Griff ist. Und wie es in der Hand liegt. Außerdem: Die Kurve muss stimmen, in der die Klinge geformt ist. Nur so klappt’s mit dem Wiegeschnitt. Das durfte ich auf der Filzmatte testen, Messer für Messer. Viele blieben auf der Strecke an diesem Vormittag: teure, schicke, schöne, exotische. Und ich verließ den Laden mit einem Messer aus – Deutschland. Ein Dreizack-Messer von Wüsthof: klassische, spitz zulaufende Form, schwarzer Kunststoffgriff, kein Renommierstück. Aber mein Kochmesser seit nunmehr siebeneinhalb Jahren. Es hat mich noch nie enttäuscht. WOLFGANG LECHNER Nächste Woche: Warum Herren unbedingt HÜTE tragen sollten Foto: Christian Schmidt; KORREKTUR Ausgabe 35/07: Foto von Johann Cohrs FURS LEBEN FINDET 8 ZEITmagazin Leben 36/07 08 Konsum_Messer 36.indd 8 24.08.2007 10:50:52 Uhr