Download Prolog: Der zerbrochene Pfeil

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Öl ins Feuer
»Guten Abend, Frau Fromm«, sagte der Fremde.
»Und wer sind Sie?«
»Peter Wiegler vom Berliner Tagblatt. Darf ich Sie einmal kurz sprechen?«
»Worum geht es?« fragte sie.
»Bitte ...« Er stand im strömenden Regen.
Sie erinnerte sich ihrer guten Erziehung; selbst zu Journalisten mußte man höflich
sein.
»Sicher, kommen Sie rein.«
»Danke.« Er trat ins Haus und zog seinen Mantel aus, den sie an einen Haken
hängte. Er war ein Hauptmann aus dem Ersten Hauptdirektorat (Ausland) des KGB,
ein vielversprechender, gutaussehender, sprachbegabter Dreißigjähriger, der
Psychologie und Ingenieurwissenschaft studiert hatte. Von Traudl Fromm hatte er
sich schon ein Bild gemacht. Der neue Audi vor der Tür war komfortabel, aber kein
Luxuswagen, ihre Kleidung, ebenfalls neu, wirkte präsentabel, aber nicht protzig. Er
hielt sie für eine stolze, etwas geldgierige, aber auch sparsame Frau. Sie war
neugierig, aber vorsichtig. Offenbar hatte sie etwas zu verbergen, wußte aber, daß sie
mit jedem Vorwand, unter dem sie ihn wegschickte, nur noch mehr Verdacht
erwecken würde. Er setzte sich in einen Polstersessel und wartete ab.
Sie bot ihm keinen Kaffee an, wollte die Begegnung kurz halten. Er fragte sich, ob
diese dritte Person auf seiner Liste mit zehn Namen eine Meldung nach Moskau wert
sein könne.
»Arbeitet Ihr Gatte im AKW Greifswald Nord?«
»Inzwischen nicht mehr. Wie Sie wissen, wird die Anlage abgeschaltet.«
»Richtig. Ich hätte nun gern gewußt, was Sie und Ihr Gatte davon halten. Ist Dr.
Fromm zu Hause?«
»Nein«, antwortete sie beklommen. »Wiegler« ließ sich nichts anmerken.
»So? Darf ich fragen, wo er ist?«
»Auf Geschäftsreise.«
»Darf ich dann in ein paar Tagen vorbeikommen?«
»Vielleicht. Aber melden Sie sich bitte telefonisch an.« Ihr Tonfall verriet dem
KGB-Offizier, daß sie etwas verheimlichte, und er konnte sich auch denken, was...
Es klingelte wieder. Traudl Fromm ging an die Tür.
»Guten Abend, Frau Fromm«, sagte jemand. »Wir haben Ihnen etwas von Manfred
auszurichten.«
Der Hauptmann hörte die Stimme und wurde mißtrauisch, beschloß aber, nicht zu
reagieren. Hier in Deutschland drohte keine Gefahr. Vielleicht erfahre ich etwas,
dachte er.
»Äh, ich habe gerade Besuch«, erwiderte Traudl.
Der nächste Satz wurde geflüstert. Der Hauptmann hörte Schritte näherkommen
und drehte sich nur langsam um. Das war ein fataler Fehler.
Das Gesicht, das er sah, hätte leicht aus einem der zahllosen Kriegsfilme stammen
können, mit denen er aufgewachsen war; es fehlte nur die silbern abgesetzte SS262