Download Binder - Studie zum technischen Handeln
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Das Entscheidungsumfeld technischen Handelns der Erwartungsdruck, den gesellschaftliche Konventionen ausüben. Die Person weiß, was „man“ in einer entsprechenden Situation tut, sie hat es im Verlauf ihres Lebens oft erfahren und einen eigenen Weg zwischen Anpassung und Selbstbehauptung entwickelt. Nun ist eine Besonderheit technischen Handelns, dass rationale Überlegungen ein besonderes Gewicht haben. Dieser Sachverhalt trifft in der westlichen Kultur auf eine Bewertung von Rationalität, die oben als gesellschaftliches Modell gekennzeichnet wurde. Hübner spricht sogar von einer „Überhöhung“ der Rationalität: Sie ist ausgerichtet „auf die Form strenger Ableitung, schematischen Operierens und exakter Regeln [...]; ihr geht es nur darum, systematische, exakte und theoretische Ordnungen herzustellen, was auch immer ihre Inhalte sein mögen.“ (Hübner 1973, S. 149) In dieser Haltung wird Rationalität zum Rationalismus, aus einer Denk- und Entscheidungsart wird ein Selbstzweck. Das fördert eine „Abkürzung“ von Entscheidungsprozessen mit dem Argument des Sachzwangs: Da der Zweck erreicht werden soll, und da systematisches, exaktes Vorgehen „unbedingt“ angestrebt werden soll, werden von vorneherein bestimmte Überlegungen ausgeblendet, wenn sie nicht in das rationale Schema passen; Emotionalität wird damit als „sachfremd“ abgelehnt. Der Nutzer erkennt, dass er auch dort rational argumentieren sollte, wo ihn beispielsweise ästhetisches Empfinden leitet oder wo er gesellschaftliche Akzeptanz für seine Entscheidungen erzielen möchte. Er wird dann rationale Argumente vorschieben, wird mit jeder Anpassung ein Stück weit lernen, dass technische Kategorien etwas mit Quantifizierung und Algorithmisierung zu tun haben, nichts aber mit Unbestimmtheit oder Emotionalität. So entsteht ein verfälschtes Technikbild, das eine gefährliche Wirkung darin entfaltet, dass es ein Gefühl der Entfremdung von „der Technik“ schafft. Wer herablassendes Lächeln erntet, wenn er bekennt, dass er ein Produkt vor allem nutzt, weil er es schön findet, weil es „gut in der Hand liegt“, weil es Aufmerksamkeit erregt, lernt, dass seine Beweggründe unbedeutend, nicht die entscheidenden, dass sie naiv sind. Es sei an Wiesmüllers Tetraeder geistiger Bewältigung der Technik erinnert, in dem direkte Verbindungen zwischen dem Herstellen oder Gebrauchen zur Ratio und zur Emotio dargestellt sind. Um zu einer genaueren Bestimmung des Verhältnisses von Finalität, Rationalität und Emotionalität zu gelangen, muss der Begriff der Zweckrationalität präzisiert werden. Der Zweck selbst ist nicht rational, sondern eine Setzung, die sich jenseits der Rationalität bewegt69. Wenn von zweckrationalen Entscheidungen gesprochen wird, bezieht sich der Anspruch der Rationalität auf die Form, in der die Entscheidung herbeigeführt wird, nicht auf den Inhalt. 69 Nach Hübner muss diese Setzung sogar unabhängig von Rationalität gedacht werden, da Inhalte per se keiner Rationalität unterliegen (Hübner 1973, S. 142). 204