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Je intensiver ich mich selbst empfinde, desto mehr kann ich mit meinem Gegenüber, meinem Partner beisammen sein. Wir kommen nicht durch Gleichheit zueinander. Wer frei ist, ist auch ungleich - einzigartig. Und für die Einzigartigkeit lieben wir den anderen und er uns. „Und in diesem Anderssein und Anderswerden können begegne ich vielleicht meinen tieferen menschlichen Dimensionen“ (Karl Jaspers) 7 Standhalten Die Welt widersteht mir – und weil mir die Welt widersteht, gibt sie mir Halt 7.1 Salutogeneseprinzip von A. Antonovsky Der in Brooklyn geborene Medizinsoziologe Aaron Antonovsky(1923-1994), jüdischer Herkunft, emigrierte 1960 mit seiner Frau nach Israel. Als Zeitzeuge des 2. Weltkriegs musste er erleben, dass viele Verwandte und Menschen seines Umkreises Traumata und Schäden durch den Holocaust erlitten oder in Konzentrationslagern umgebracht wurden. Als Medizinsoziologe beteiligte er sich in Israel an verschiedenen Forschungsprojekten, die sich mit dem Zusammenhang von Stressfaktoren und Gesundheit beziehungsweise Krankheit befassten. Bald vertrat er ein Stresskonzept, in dem Stressfaktoren nicht mehr nur als krankmachend angesehen werden, sondern als Herausforderung, als Stimuli, die einen Zustand der Anspannung auslösen. Damit kam er auf die psychologische Fragestellung nach individuellen Verarbeitungsmustern beziehungsweise Möglichkeiten angesichts solcher Anspannungszustände. Er befasste sich außer mit den schädigenden jetzt auch mit den stabilisierenden Faktoren, also mit Entstehung von Gesundheit. Ausschlaggebend für seine weitere Forschungstätigkeit waren Untersuchungen über die Auswirkung der Wechseljahre bei Frauen der Jahrgänge 1914-1923, die teilweise in Konzentrationslagern inhaftiert waren. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass eine beträchtliche Anzahl Überlebender dieses Holocaust, die alle Grausamkeiten des Konzentrationslagers erlitten und dann auch in Israel drei Kriege überlebt hatten, über eine Art „Übergesundheit“ verfügten. Er traf Menschen von einer großen Ausstrahlung an, die eine seelische Robustheit und Kerngesundheit zeigten, der er bislang nicht begegnet war. Das brachte ihn auf die Frage: Wie kann es ein solches Phänomen geben, das aller Vernunft und allen Trauma - Theorien widerspricht. Wie haben es die Frauen geschafft, diesen Extrembelastungen standzuhalten und gesund zu bleiben, anstatt an Leib und Seele Schaden zu nehmen oder zu zerbrechen. Die Antwort brachte den entscheidenden salutogenetischen Perspektivenwechsel mit sich, der seine ganze weitere Forschungstätigkeit bestimmte. So fing er an, systematisch die Bedingungen für Gesundheit zu untersuchen, die man in drei Grundbedingungen zusammenfassen kann. - Verstehbarkeit: Die Welt erscheint verständlich, stimmig und geordnet; Probleme und Belastungen, die auftreten, sind in einem größeren Zusammenhang zu begreifen. - Handhabbarkeit: Das Leben stellt Aufgaben, die lösbar erscheinen. Es ist das Vertrauen vorhanden, dass genügend Ressourcen zur Meisterung des Lebens verfügbar sind. - Sinnhaftigkeit: Es gibt Ziele und Projekte, für die es sich zu engagieren lohnt. Die mit der Lebensführung verbundene Anstrengung erscheint sinnvoll.“ Ihre Berücksichtigung ist für das gesunde Aufwachsen von Kindern entscheidend. 95