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9. Arbeit und Mobiltelefon
9.4.2 Mobile Elternschaft: ‘Remote Mothering’
Das AutorInnenteam Rakow/Navarro prägte den viel zitierten Begriff ‘Remote
Mothering’, der den großen Stellenwert des Mobiltelefons in der Mutter-KindBeziehung ausdrückt. Um zwischen Beruf und Familie zu vereinbaren, stellt telepräsente Erreichbarkeit eine Art ferngesteuerter Fürsorglichkeit dar. „The cellular
phone permits them to exist in their domestic and work worlds simultaneously,
women are now working ‘parallel shifts’ rather than what has been described as
the ‘double shift’”(Rakow/Navarro 1993, S. 153). Das Zitat spricht die Entgrenzung
von Privat und Berufsleben an und wie das Handy eingesetzt wird, um parallel
zwischen den Anforderungen und Aufgaben der Berufs- und Familienwelt hin und
her zu wechseln. „[...] und nachher mache ich das und Jössas na, für den darf ich
das nicht vergessen und die Kinder brauchen das und das und dann muss ich
noch schnell, also fünf Sachen halt gleichzeitig [...]“ (Int. Nr. 6-I, S. 79). Von den
befragten Vätern übernimmt nur einer alltägliche Betreuungsaufgaben von Kleinkindern und beschreibt ähnliche Erlebnisse der Vergleichzeitigung. Im Besonderen
ist Herr K. froh, dass es keine Videotelefonie gibt, weil „dann würden die [die Arbeiter von der Baustelle, B.B.] wissen, dass ich noch in der Unterhose rumlaufe
oder dass ich gerade meinem Kind ein Frühstück mache oder wie auch immer [...].
Es ist mir eigentlich schon sehr angenehm, dass die Leute nicht wissen, dass ich
noch nicht im Büro, also quasi im Amt bin, sondern noch daheim.“ (Int. Nr. 7-II, S.
82).
Ist es dem Architekten unangenehm, wenn seine Kollegen sein Familienleben am
Telefon miterleben, wird es Müttern stärker zugestanden, wenn nicht gar erwartet.
Man will nicht als Rabenmutter gelten, zumindest im Sinne einer männlich interpretierten „Rhetorik der Weiblichkeit“. So hebt der britische Außenminister in der
Kondolenzfeier für Anna Lindh hervor, die 2003 ermordete schwedische Sozialdemokratin sei nicht nur eine gute Politikerin, sondern auch eine gute Mutter gewesen. Selbst bei wichtigen politischen Beratungen wäre sie per Handy ihren Kindern bei Alltagsproblemen beigestanden, etwa wenn diese ohne Schlüssel vor der
verschlossenen Haustür standen (vgl. Drügh 2003). Die Telepräsenz des Handys
entlastet in bestimmter Weise berufstätige Mütter, indem sie trotz Abwesenheit
Nähe herstellen und Fürsorge ausdrücken können, zum Beispiel indem sie ihr
Kind täglich telefonisch wecken (vgl. Fortunanti 2005, S. 215f.).