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aller Wirklichkeit ist, dann kann der, der in Wahrheit den Grund aller Wirklichkeit sucht, nie etwas anderes finden als Gott. Ist Gott selbst die Wahrheit, so können wir uns, wenn wir uns der Wahrheit nähern, unmöglich von Gott entfernen. 3. Geben wir also unserem Glauben Gelegenheit, sich zu bewähren. Prüfen wir ohne Scheu, ob’s denn auch wahr ist. Und ermuntern wir auch unsere Kinder dazu. Denn wenn einer auszieht, um nach der Wahrheit zu forschen – sollten wir ihn dann ängstlich zurückhalten, als wäre außerhalb der Kirchenmauern nicht mehr Gottes Land? Nein. Gott ist der Grund der Wirklichkeit, dessen ein Mensch zwangsläufig angesichtig wird, wenn er Irrtum, Trug und falschen Schein hinter sich lässt. Darum dürfen wir ganz gelassen sein, wenn jemand aufbricht ins Land der Vernunft, der Forschung und der kritischen Reflektion. Und statt ihn zu bremsen, sollten wir ihn sogar darin bestärken, dass er möglichst kritisch, vorbehaltlos und radikal alles prüfen – und nur das Beste behalten soll. Denn wenn einer von seiner Vernunft konsequent Gebrauch macht, wird die Vernunft selbst ihn dahin führen, wo die Vernunft an ihre Grenzen stößt und auf den Glauben verweist. Und wenn er alle Religionen dieser Welt kennenlernt, so wird er doch keine finden, die tiefer von Gottes Zorn und Gottes Liebe zu zeugen vermag als das Christentum. Warum also sollten wir Mauern errichten, um unseren Glauben abzuschotten? Hat er das nötig? Was könnte die Wahrheit gefährden, welche Konkurrenz müsste sie fürchten, welchen Vergleich scheuen? Vertrauen wir ruhig auf die Selbstdurchsetzungskraft der Wahrheit, die keine Reservate braucht, keine Krücken und keine Empfehlungsschreiben, sondern selbst die Kraft hat, Menschen zu entwaffnen und zu überführen, bis sie eingestehen, dass Christus der Weg ist, die Wahrheit und das Leben. Das Original muss den Vergleich mit der Kopie nicht scheuen, sondern umgekehrt. Darum gibt es für Christen keinen Grund, wegen konkurrierenden Wahrheitsansprüchen verunsichert zu sein. Bleiben wir lieber gelassen in der Gewissheit, dass Christus das letzte Wort behalten wird. Und wenn wir das Bedürfnis haben, diese Gewissheit an andere weiterzugeben – und insbesondere an unsere Kinder – dann hüten wir uns davor, sie zur Erkenntnis der christlichen Wahrheit überreden oder drängen zu wollen. Sondern werben wir lieber für die Wahrheit, indem wir in der Wahrheit leben und dabei die Wahrheit nicht bloß sagen, sondern die Wahrheit praktizieren. 4. „Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit“ – so sagt es der Psalmbeter. Ist aber jemandem nicht klar, wie man das macht – „wandeln in der Wahrheit“ – so muss er sich nur darauf besinnen, was Wahrheit ist, nämlich: Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Oder weiß das nicht jeder? Was ich sage oder denke ist wahr, wenn meine Gedanken übereinstimmen mit dem tatsächlich gegebenen Sachverhalt. Ein Satz ist wahr, wenn das, was er sagt, auch der Fall ist. Wahrheit ist Übereinstimmung mit Wirklichkeit. Wenn aber Gott der Grund aller Wirklichkeit ist, und so das Wirklichste in allem Wirklichen, dann muss doch wohl Wahrheit Übereinstimmung mit Gott sein. Und diese Übereinstimmung eines Menschen mit Gott nennt man „Glaube“. „Leben in der Wahrheit“ heißt also leben in Entsprechung zu Gott. Und solche Entsprechung erschöpft sich nicht in wahren Gedanken, sondern sie will unser ganzes Leben mit Wahrheit erfüllen. Unser Handeln soll dem Gebot Gottes entsprechen, und unser Wünschen dem Willen Gottes. Unsere Buße soll so ernst sein wie Gottes Gericht, und unsere Hoffnung soll so groß sein wie Gottes Verheißungen. Unser Vertrauen soll so fest sein wie Gottes Treue, und unsere Freude so tief wie Gottes Liebe zu uns. Dann nämlich le103