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BOSO: Du hast Recht, Anselm. Aber könnte Gott nicht einfach darauf verzichten und sagen „Schwamm drüber!“?
ANSELM: Stell dir vor, was das bedeuten würde, lieber Boso! Auf diese Weise Sünden
nachzulassen, ohne Sühne oder Wiedergutmachung, hieße doch einfach nur, die Sünde
nicht zu strafen und das geschehene Böse zu ignorieren – gerade als wäre nichts gewesen. Wo aber bliebe da die Gerechtigkeit Gottes? Es geht doch nicht an, dass er über eine
schwere Rechtsverletzung ohne Strafe hinweggeht. Denn dann würde die Sünde gegen
alle Ordnung erlassen – so als hätte Gott zur Sünde nachträglich sein Einverständnis gegeben. Es würde so aussehen, als hätte Gott seine Gebote gar nicht ernst gemeint!
BOSO: Da kann ich dir nicht widersprechen.
ANSELM: Würde es aber zu einem gerechten Gott passen, dem Bösen freien Lauf zu lassen, seine Rechtsordnung preiszugeben, über zahllose Opfer hinwegzusehen, und den
Tätern damit sein Einverständnis zu geben?
BOSO: Auf gar keinen Fall! Wenn Gott Sünder genauso behandelte wie Sündlose, würde
ja er selbst den Unterschied zwischen Recht und Unrecht einebnen. Er würde außer Kraft
setzen, was er durch die Schrift und die Propheten gesagt hat – und damit sein gegebenes
Wort zurücknehmen.
ANSELM: Also sind wir darin einig, dass Gott Unrecht nicht dulden darf. Und Unrecht
wäre es zweifellos, wenn das Geschöpf Gott nicht erstattete, was es ihm genommen hat.
Gott muss seine Weltordnung wahren, indem er ihre Verletzung ahndet.
BOSO: Das sehe ich jetzt ein, Anselm: Keiner kann selig werden und sich mit Gott versöhnen, wenn er nicht zurückerstattet, was er durch die Sünde widerrechtlich an sich
gerissen hat. Eine Wiedergutmachung muss sein. Aber meinst du nicht, dass der Mensch
das durch Frömmigkeit und gute Werke schaffen kann?
ANSELM: Was für Werke sollten das sein, Boso? Lass hören, was du als Wiedergutmachung für deine Sünden an Gott entrichten willst!
BOSO: Nun, ich dachte an Nächstenliebe und Reue, an Entsagungen und fleißige Gebete,
an Fastentage und Pilgerwege, an ein gutes Herz und wohltätige Spenden – und überhaupt an den Gehorsam gegen alle Gebote.
ANSELM: Das sind alles gute Vorsätze, Boso. Aber wenn du Gott bloß gibst, was du ihm
ohnehin schuldest, darfst du das nicht anrechnen für jene Schuld, der du durch die Sünde verfallen bist. Alles, was du angeführt hast, bist du Gott sowieso schuldig. Und wenn
du deinen Vorsätzen nachkommst, tust du damit nur deine ganz normale Pflicht. Was
aber wirst du Gott zahlen und erstatten für die vielen Tage, die du im Ungehorsam verbracht hast?
BOSO: Na wenn ich mich selbst und all mein Können Gott schulde allezeit, wie soll mir
da noch etwas übrig bleiben, womit ich meine Sündenschuld erstatten könnte? Ich schaffe doch nicht einmal, was meine Pflicht ist!
ANSELM: Wenn du aber über deine Pflicht hinaus nichts tun kannst, wie willst du dann
jemals Wiedergutmachung leisten? Und wenn du die nicht leistest, was wird dann dein
Los sein?
BOSO: Ich kann nicht sehen, wie ich da jemals herauskommen soll.
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