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ungenügend, weil der, der sich von allem Möglichen befreit, am Ende nicht mehr weiß,
wofür er eigentlich frei sein wollte. Oder ist das etwa Freiheit, wenn man zwischen 90
Fernsehkanälen wählen kann? Ist das Freiheit, wenn man jede Nacht in einem anderen
Bett schläft? Ist das Freiheit, wenn keiner nach mir fragt, weil keiner mich braucht? Nein.
Das ist in Wahrheit nicht Freiheit, sondern freier Fall. Denn ein Mensch, der alle Bindungen scheut, befindet sich ewig auf der Flucht – und merkt gar nicht, dass er sein
Hauptproblem immer mitnimmt, das er selber ist. Er kann so weit laufen wie er will, er
wird sich doch selbst nicht los – und bleibt darum in sich gefangen. Die Familie, die ihn
einengt, kann er verlassen. Den Arbeitsplatz kann er kündigen. Und aus dem Land, das
ihm keine Freiheit gewährt, kann er auswandern. Aber wieviel äußere Freiheit er sich
damit auch verschaffen mag, so wird er doch nicht frei von der inneren Fessel, dass er
der ist, der er ist.
Der Cowboy aus der Zigarettenwerbung mag alles hinter sich lassen, wenn er in die Prärie reitet, sein Pferd mag noch so schnell laufen – wenn der Mann seine Fesseln im Kopf
und sein Gefängnis im Herzen trägt, so nützt ihm das alles nichts. Denn er hat dann zwar
Handlungsfreiheit im Sinne der äußeren Freiheit, zu tun was er will. Und er hat insofern
Wahlfreiheit, als er sich, inneren Impulsen folgend, zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden kann. Aber eine Willensfreiheit in dem Sinne, dass er seinen inneren
Impulsen, Ängsten und Begierden eine neue Richtung geben könnte, die hat er deswegen
noch lange nicht. Er kann vor sich selbst nicht weglaufen, sondern bleibt überall ein Gefangener seiner selbst, weil er sein eigenes Wesens nicht ändern kann. Diesbezüglich
kann keiner aus seiner Haut. Denn wenn das wirklich anders wäre – würden dann nicht
die jähzornigen Menschen schnell beschließen, sich in friedfertige zu verwandeln? Würden die Ängstlichen nicht sehr bald durch freien Entschluss zu Mutigen werden, die Lasterhaften zu Tugendsamen und die Zweifler zu Gläubigen? Wenn’s möglich wäre, würden
sie’s nur zu gern! Doch eben das ist unsere eigentliche Unfreiheit, dass wir, unter dem
Macht der Sünde stehend, in uns selbst gefangen sind und uns nicht selbst zum Guten
verändern können. Wir können zwar äußerlich tun, was wir wollen, aber wir bringen es
nicht fertig, zu wollen, was wir wollen sollen. Wir sind wie Steine, die einen Abhang
hinunterrollen und aus sich selbst heraus nie die Richtung wechseln, sondern immer nur
weiter der Schwerkraft folgen. Als Sünder streben wir immer nur weiter dem Abgrund
zu. Die uns innewohnende Dynamik, die unseren Willen beherrscht, führt uns immer
weiter weg von Gott – direkt hinein ins Scheitern, in Schuld und Tod. Wir können nicht
aus unserer Haut, sondern sind gefangen in uns selbst. Wovon redet dann aber Jesus,
wenn er sagt, seine Wahrheit würde uns frei machen?
Man muss es kaum noch sagen. Denn natürlich redet Jesus genau von den inneren Fesseln, die wir gerade beschrieben haben, und redet von der inneren Freiheit, die der
Mensch durch den Glauben gewinnt, sobald Gottes Geist die negative Dynamik seines
Willens durchbricht und seinem Wesen eine neue, heilvolle Richtung gibt. Mit politischer oder finanzieller Freiheit hat das nichts zu tun. Mit äußerer Freiheit hat Jesus sich
nicht befasst. Aber er ermöglicht uns eine viel nachhaltigere innere Freiheit, die darin
besteht, ein neuer Mensch zu werden, dessen innerer Krampf sich gelöst hat, der sich
Gott überlässt und darum gelassen ist, der den Willen Gottes bejahend sich selbst annehmen kann und die Angst verliert, weil er nicht mehr auf sich selbst, sondern auf Gott
vertraut. Mit anderen Worten: Die Freiheit, die Christus schenkt, besteht darin, dass er
uns auf eine tiefe und endgültige Weise von der Sorge um uns selbst und um das Gelingen unseres Lebens befreit.
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