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es muss sich auch niemand zwingen, den Schuldigen sympathisch zu finden. Aber das ist
möglich und dringend nötig, dass ich den Täter an Gott überweise ohne ihm Flüche hinterherzuschicken. Er muss bestimmt nicht mein Freund werden. Aber ich sollte ihm ehrlich wünschen, dass er nicht an seiner Schuld zugrunde geht, sondern sich von ihr lösen
kann.
Es mag sein, dass die Wunde, die er mir zugefügt hat, weiterhin blutet und schmerzt.
Aber ich sollte innerlich nicht auf seiner Bestrafung bestehen, sondern sollte sagen:
Wenn Gott ihm vergeben will, so will ich das auch…
Solche Vergebung ist einfach nur der Verzicht auf den Schuldvorwurf. Es ist das willentliche Freigeben einer Person, an deren Verhängnis man ein berechtigtes Interesse haben
könnte, das man dieser Person aber nicht wünscht, weil man doch selbst keine Racheengel ist und kein kompetenter Richter, sondern nur ein armer Mensch, der selbst Vergebung nötig hat. Diese schlichte und vernünftige Haltung ist einem Christen zumutbar.
Und Christus erwartet sie von uns. Denn wenn Gott mich mit seinem Zorn nicht verfolgt, sondern mir Frieden schenkt – wie sollte ich da den Bruder mit meinem Zorn verfolgen, der ich doch keineswegs besser bin als er?
Lösen wir den Krampf und seien wir unbesorgt. Gott selbst wird für Gerechtigkeit sorgen
– für mich und für meinen Schuldiger. Gott hält Barmherzigkeit bereit für mich und für
ihn. Darum vertrauen wir Gott. Überlassen wir’s ihm. Hoffen wir, dass am Jüngsten Tag
keiner aufsteht, um mit dem Finger auf uns zu zeigen. Und nehmen wir uns fest vor, es
unsererseits auch nicht zu tun…
102. Ent-täuschung, Schwermut, Weltschmerz
Mir ist ein Gedicht begegnet, das kurz und nicht sehr „poetisch“ ist. Man kennt nicht
einmal den Verfasser. Und wenn Johannes Brahms es nicht vertont hätte, wäre es wahrscheinlich längst vergessen. Mir aber macht es Eindruck, weil es so offen von Enttäuschung spricht. Gerade in unserer Zeit, die nur den Erfolg respektiert und alles Scheitern
als peinlich empfindet, erscheint mir das bemerkenswert. Denn hier spricht einer seine
Enttäuschung offen aus. Er ist enttäuscht von dieser Welt, weil sie nicht hält, was sie
verspricht:
Ach, arme Welt, du trügest mich,
ja, das bekenn ich eigentlich,
und kann dich doch nicht meiden.
Du falsche Welt, du bist nicht wahr,
dein Schein vergeht, das weiß ich zwar,
mit Weh und großem Leiden.
Dein Ehr, dein Gut, du arme Welt,
im Tod, in rechten Nöten fehlt,
dein Schatz ist eitel falsches Geld,
dess‘ hilf mir, Herr, zum Frieden.
Unsere erste Reaktion ist vielleicht, dass wir über die große Traurigkeit dieser Zeilen erschrecken und uns spontan dagegen wehren: Ist das nicht zu schwermütig und zu melancholisch als dass man es als Beschreibung unseres Lebens akzeptieren könnte? Der
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